Nach 14 Jahren Regatta-Touren mit allem, was dazu gehört – wind- und wettertechnischer sowie surferischer Pleiten, Pech und Pannen – könnte man meinen, dass man als „alter Hase“ auch mal genug davon hat. Das mag sich schizophren anhören, aber trotz der langen
Zeit konnten Helge und ich bisher den Hals noch nicht voll bekommen. Mehr noch! Ab und zu packt uns die Phantasie und wir bekommen Lust auf surferische Herausforderungen und besondere Erlebnisse.
Nach riesigen Wellen und paradiesischen Bedingungen in Kapstadt umrundeten wir die Insel Fehmarn mit dem ehemaligen Bomba Team aus dem Jahr 2003 – Horninger, Asmussen, Helge und ich. Es wurde nach den Jahren Pause mal wieder Zeit,
ein neues Ziel zu finden, ein Highlight in der Surferkarriere zu starten, an das man sich für immer erinnert. Während der diesjährigen DM auf Sylt hatten Helge und ich an einem windstillen Tag, als wir am Strand saßen und sehnsüchtig aufs
Wasser schauten, die Idee, wir könnten einmal zu den wunderschönen Halligen surfen, die wir bisher nur von Bildern oder vom Hinüberblicken von der Fähre kannten.
Die Halligen liegen vor der nordfriesischen Küste. Insgesamt gibt es zehn kleine Eilande mit Größen von sieben bis 960 Hektar. Die größte Insel ist Langeneß mit 140 Inseleinwohnern. Auf Süderoog lebt hingegen nur ein Ehepaar, Gudrun und Hermann Matthiesen. Die Bewohner leben hauptsächlich vom Küstenschutz, von der Landwirtschaft und vom Tourismus. Diese Insel sollte auch die erste Location unserer Halligentour werden.
Am 29. August 2006 endete die DWC-Regatta-Saison mit der letzten Regatta in Boltenhagen. Hier schmiedeten wir konkrete Pläne, wann unsere Tour stattfinden sollte. Zu so einer Tour gehört eine umfangreiche Vorbereitung mit optimalen Bedingungen. Alles muss passen, was fast unmöglich ist. Es muss Hochwasser sein, man braucht ein Boot und dazu einen Bootsfahrer, einen Photographen und vor allem sensationelles Wetter, adäquaterweise Sonne und Wind gleichzeitig. Hinzu kommt noch, dass alle Mitstreiter kurzfristig Zeit haben und innerhalb von zwei Tagen abrufbar sein müssen. Euphorisch wie wir anfangs starteten, mussten wir aus den genannten Gründen dreimal den Termin verschieben. Gedämpfte Stimmung machte sich breit und wir hatten die Befürchtung, wir müssten unseren Event in die nächste Saison schieben.
Geplant war ein Crossing, beginnend in Schlüttsiel. Die Route sollte vorbeiführen an Süderoog, Pellworm, Norderoog, Hooge, Langeneß bis nach Amrum. Fiebernd beobachten wir tagelang den Wetterbericht und plötzlich war es soweit. Dann musste alles ganz schnell gehen. Es schien anfangs alles zu klappen, bis sich ein Problem ergab. Der Bootsfahrer hatte an dem geplanten Tag keine Zeit. Wir hatten auf einmal keinen Bootsfahrer mehr! Helge und ich telefonierten fast 20 Leute ab, um jemanden für unsere Tour zu organisieren. Einige hatten anderweitig Termine, anderen war die Aktion zu heiß, weil sie nicht wussten, ob man dort überhaupt mit dem Boot fahren durfte. Die Halligen liegen im Naturschutzgebiet und so fängt man sich eventuell schnell Ärger ein. Über viele Kontakte und Vitamin B fanden wir schlussendlich Alexander aus Hamburg, den wir beide noch nicht persönlich kannten, der aber bereit war, die Tour mit uns durchzuziehen. Er brachte seine Freundin auf die Bootsfahrt zu den Halligen mit. Diese bestieg das Boot euphorisch mit Westernstiefeln, nicht ahnend, was sie hier erwartete.
Treffpunkt sollte Schlüttsiel sein, wo es laut Karte und Informationen möglich sein sollte, das Boot ins Wasser zu lassen. Dort angekommen, mussten wir leider feststellen, dass unsere Bedingungen umgeschlagen waren. Es herrschte Windstille und die Sonne war verdeckt von dicken, dunklen Wolken. Viel schlimmer war die Tatsache, dass nirgends die Möglichkeit bestand, das Boot zu Wasser zu lassen. Was tun? Wir nahmen eine spontane Planänderung vor und fuhren im Konvoi nach Dagebüll. Falsch gedacht, auch hier bestand keinerlei Möglichkeit, das Boot ins Wasser zu lassen. Schon fast krampfhaft versuchten wir, aus dem Hafenmeister Informationen herauszukriegen, ob es eine geeignete Stelle gab, das Boot ins Wasser zu lassen. Dieser zuckte nur mit den Schultern. Es wurde spannend, denn wir wollten schon seit zwei Stunden auf dem Wasser sein; allmählich lief uns die Zeit davon. Letzte Hoffnung – auf zum Nordstrand!
Auch hier schien es so, als gäbe es keine Möglichkeit für uns, das Boot zu Wasser zu lassen. Wir sahen zwar, dass es prinzipiell machbar war – es war nur niemand weit und breit zu finden, den wir um Erlaubnis fragen konnten. Ein Blick zur Uhr und wir ergriffen dreist die Eigeninitiative, zogen die Poller zur Absperrung an der Bootsrampe heraus und machten uns selbstständig. Los ging’s! Erstaunlicherweise mussten wir feststellen, wie schwer ein Boot ist. Wir kannten die Boote jahrelang, waren aber noch nie in den Genuss gekommen, eines dieser Boote ins Wasser zu heben. Mit vier Mann hatten wir allerhand zu tun. Der Wind war leider immer noch viel zu schwach, um direkt loszusurfen. Wir beluden das Boot mit unserem Stuff in der Hoffnung, dass wenigstens auf dem Meer eine steife Brise auf uns wartete. Der Himmel blieb beharrend dunkel und wir hofften, dass es als Wiedergutmachung für all die bisherigen Schwierigkeiten wenigstens niederschlagsfrei blieb.
Nach den ersten zehn Kilometern mit beladenem Boot in Richtung Pellworm erschien die erste Hallig, und zwar Süderoog, am Horizont. Der Bootsfahrer fuhr mittlerweile Vollgas auf diese Hallig zu. Plötzlich stoppte unser Boot. Wir waren auf eine vorgelagerte Sandbank aufgelaufen. Es war unglaublich – wir sahen uns alle nur fragend an. Kilometerweit rund um uns war nur Wasser in Sicht; die Halligen waren fast zum Greifen nah, aber noch etwa einen Kilometer entfernt; wir steckten fest. Mit so etwas hatten wir nicht gerechnet. Aus der Not machten wir eine Tugend, stiegen aus und fingen im knietiefen Wasser an, unseren Stuff aufzubauen. Die Windbedingungen hatten sich verbessert, je weiter wir vom Festland entfernt waren.
Wir konnten endlich durchstarten. Unsere Tour ging vorbei an Pellworm und wir kreuzten Richtung Süderoog. Nach langer Zeit sahen wir die Insel und fuhren darauf zu. Seitlich nahm ein einzelnes Boot Kurs in unsere Richtung auf. Wir hatten böse Vorahnungen, dass die Wasserpolizei uns an den Kragen wollte, schließlich durchsurften wir das Naturschutzgebiet. Es stellte sich glücklicherweise heraus, dass das Boot nicht die Wasserpolizei, sondern die DLRG war, die nicht ärgerlich, sondern besorgt um uns war. „Unsere Retter“ wunderten sich über zwei Surfer mitten auf dem Meer, bei angekündigtem Sturm und der späten Nachmittagsstunde. Nach Berichterstattung über unser Vorhaben wünschten sie uns, inspiriert von der Idee, viel Glück und Erfolg und gaben uns noch kostbare Tipps mit auf den Weg.
Vorbei an Süderoog, auf der nur ein einzelnes Haus von unsagbarer Größe steht, ging es weiter Richtung Norderoog. Der dunkle Himmel und die abflauende Brise veranlassten uns zu gemeinsamer Beratung auf Höhe der Hallig Hooge. Zur Debatte standen entweder eine Übernachtung auf Amrum oder Vollgas Vorwind zurück. Bis Amrum wäre es noch eine Stunde Fahrt gewesen. Der Photograph und der Bootsfahrer waren leider für den nächsten Tag verplant, so entschieden wir uns für die Rücktour.
Nach einem Viertel der Rücktour verließ uns der Wind dann vollends und es gab keine andere Möglichkeit, als mitten auf dem Meer schwimmend abzubauen.
Nach einer kurzen Orientierung ging es wieder Richtung Nordstrand, was wir nach knapp einer Stunde heil erreichten. Wir hatten uns nicht verkalkuliert. Die Entscheidung zur Retour hatten wir im richtigen Moment gefällt, denn als wir im Hafen einliefen, wurde es finster. Das Boot zogen wir bereits im Dunkeln aus dem Wasser. Nach Verladen des Stuffs kamen wir alle noch kurz zu einem Verabschiedungsmeeting zusammen. Alle waren erschöpft und inzwischen fast eingefroren, weil die Temperaturen mit Einbruch der Dunkelheit schnell gesunken waren. Rückblickend hielten wir fest, dass der Tag trotz der anfänglich schlechten Startbedingungen ereignisreich und zufrieden stellend zu Ende ging. Wir hatten alle sehr viel erlebt und viel Neues gesehen!
Jedoch sollte dieser Trip nicht nachgemacht werden. Ein paar Tage später erhielten wir eine Anhörung vom Landesamt für den Nationalpark, in der es hieß, gem. §§ 5 Abs. 2 und 5, Abs. 1 und § 10 Abs. 1, Nr. 3 und 9 des Nationalparkgesetzes darf die Schutzzone 1 nicht gestört oder betreten werden. In bestimmten Fällen kann ein hohes Bußgeld ausgesprochen werden. Wir konnten uns mit dem Amt einigen und machten unsere Verbundenheit als Surfer mit der Natur deutlich. Unser Ziel war es ja schließlich nicht, die Vögel zu stören, was wir auch nicht getan haben, sondern auf den Erhalt des Naturschutzgebietes aufmerksam zu machen. Viele Information und ein Spendekonto findest du unter www.wattenmeer-nationalpark.de.




