Jonas-Jessyn Schmidt
Geburtstort: Dannenberg (Wendland)
Geburtstag: 28. Mai 1981
Beruf: Student (Sport und Englisch auf Lehramt) / Windsurfprofi
Wohnort: Kiel
Lieblingsfarbe: Rosa
Hanseboot 2005. Ich war von meinen Sponsoren Starboard und Hot Sails „eingeladen“ worden, für sie auf der „hanseboot Free-Magazin Beach Lounge“ ein wenig Messearbeit zu leisten. Während einer Präsentation auf der Bühne, alle eingeladenen Hersteller waren gerade dabei, ihre Segel für die nächste Saison zu präsentieren, fiel mir ein neues Gesicht zwischen den Vertretern auf. Als es an der Reihe war, sein Produkt zu präsentieren, stolperte er mit seinem Naish-Tuch in der Hand in Richtung Mikrofon und sagte etwas, was mir sinngemäß folgendermaßen in Erinnerung blieb: „Hallo, ich bin Jonas und ich habe nicht viel Ahnung von Segeln. Ich bin schließlich Teamfahrer und fahre die Dinger nur.“ „Ah“, dachte ich, „das hat Potential.“
Als wir abends zusammen feiern waren, wollte ein Türsteher Jonas nicht (oder zumindest nicht kostenlos) den Eintritt gewähren. Jonas war einfach an der Kasse vorbeigegangen. Der Türsteher sagte ein paar Mal etwas zu ihm, bis Jonas entgeistert erwiderte: „Entschuldige, aber ich verstehe dich einfach nicht. Du sprichst so ein gebrochenes Deutsch!“ Unnötig zu sagen, dass wir dann woanders hin mussten. Aber ja, der Junge hat Potential.
Das beweist er nicht nur an der Bar und auf der Bühne, sondern auch auf dem Wasser. Als einer der besten, deutschen Freestyler behauptet er von sich selbst, in der Welle noch nicht sonderlich gut zu sein. Im Frühjahr in Kapstadt konnte ich dieses Statement nicht bestätigen. Die meisten Surfer, die wie Jonas in der Welle fahren, würden herumlaufen und ununterbrochen davon reden, wie geil sie sind. Grund genug den sympathischen Herren mit dem leichten Understatement zum Interview zu bitten.
T: Hallo Jonas, du bist beim Ocean Jump ja etwas ungünstig aufs Ohr gefallen und hast es geschafft, dein Trommelfell zu reißen. Wie geht es dir?
J: Moin Torben! Es tat zum Glück nie richtig weh und es stört auch nicht. Aber die Ärzte haben mir davon abgeraten, weiter zu springen, und ich soll circa drei Wochen nicht ins Wasser.
T: Ärgert dich das?
J: Na ja, es war ein geiler Event und es hat viel Spaß gemacht. Leider ist das mit dem Ohr ziemlich am Anfang passiert. Ich wäre gerne öfter über die Rampe gesprungen, aber da kann man nichts machen.
T: Gut, dann zum eigentlichen Interview: Du surfst noch gar nicht so lange, oder?
J: Nein, ich hab zum ersten Mal 1997 auf Amrum auf einem Windsurfer gestanden. Meine Mutter hat mir damals in den Sommerferien einen Surfkurs geschenkt. Am zweiten Tag war es tierisch windig und es waren ein paar Locals draußen, die Loops und so gesprungen sind, und das wollte ich unbedingt auch können.
T: Du bist sehr schnell auf ein hohes Niveau gekommen. Hast du vorher irgendeinen Sport leistungsmäßig gemacht?
J: Ja, ich habe Leichtathletik mehr oder weniger professionell betrieben. Ich habe jeden Tag zwei bis drei Stunden trainiert und bin auch mal Niedersachsenmeister in der Halle geworden. Mein Körper ist aber offenbar nicht für Profisport gemacht. Ich bin ziemlich oft krank gewesen, habe Pfeiffersches Drüsenfieber bekommen und lag eine Weile im Krankenhaus. Das Fieber hat ziemlich auf die inneren Organe geschlagen und die Ärzte hatten Angst, dass nicht nur die Nieren und die Milz angegriffen würden, sondern dass es auch aufs Herz gehen könnte. Daraufhin habe ich meine Leichtathletik-Karriere an den Nagel gehängt. Im Sommer 2000 war ich wieder auf Amrum und bin danach einfach nach Kiel gezogen, um mein Abi zu machen und um mehr surfen zu können.
T: Die Prioritäten lagen in dieser Reihenfolge?
J: Könnte sein, dass ich da gerade was verwechselt habe …
T: Du bist Ende der elften Klasse ganz allein nach Kiel gezogen?
J: Zunächst sah es so aus, aber dann hat meine Mutter überraschend einen Job in Kiel bekommen und wir sind beide umgezogen.
T: War Contestsurfen immer dein Ziel? Bist du ein Wettkampftyp?
J: Irgendwie schon. Bei allen Sportarten, die ich gemacht habe, habe ich irgendwann an Wettkämpfen teilgenommen. Der DWC war mir zunächst egal, ich bin direkt in die EFPT eingestiegen. Das war 2004 und ich bin im ersten Jahr gleich Siebter in der Jahresrangliste geworden. Im Jahr darauf bin ich die DM auf Sylt mitgefahren und Dritter geworden.
T: Das sind sehr gute Ergebnisse, dafür, dass du erst vier bzw. fünf Jahre zuvor surfen gelernt hast. Welche Tour gefällt dir besser, DWC oder EFPT?
J: Die EFPT ist sehr gut organisiert, es sind nur nette, junge Leute am Start und es gibt viel Preisgeld. Ein Kern von 20 bis 25 Leuten fliegt und fährt quer durch Europa, um an guten Spots zusammen zu trainieren und gegeneinander anzutreten. Das ist schon echt gut, aber eben auch teuer. In Schweden und Frankreich beispielsweise gibt es staatliche Sportförderungen und die Surfer bekommen die Trips bezahlt. In Deutschland ist das leider nicht so einfach. Dem Staat sind Surfer egal und Geldgeber aus der Industrie zu finden, ist extrem schwierig. So kann man als deutscher Teilnehmer eigentlich nur mit dem Preisgeld die Kosten decken. Das macht einen Contest natürlich etwas unentspannt, denn wenn man nicht ins Preisgeld fährt, bleibt man auf den Kosten sitzen. Beim DWC gibt es kein Preisgeld und die meisten Leute sind „alte Säcke“ aus dem Ruhrgebiet, die hobbymäßig surfen, das Ganze aber „bier-ernst“ nehmen. Beim Worldcup wird so gut wie nie Einspruch von einem Fahrer gegen eine Entscheidung eingelegt, im DWC protestieren ständig irgendwelche Leute. Meistens geht es nicht mal um viel. Da wird ein tierischer Stress gemacht, nur weil jemand gerne von Platz 18 auf 17 rutschen möchte.
T: Beim Freestyle zählt nicht, wer als Erster durchs Ziel kommt, sondern wer von den Judges am besten bewertet wird. Judges bewerten immer etwas subjektiv. Läuft das deiner Meinung nach meist fair ab oder gibt es oft unverständliche Entscheidungen?
J: In der EFPT läuft es meist sehr gut. Es haben sich schon oft Fahrer neben die Judges gesetzt und inoffiziell mitbewertet. Judges und Fahrer waren fast immer einer Meinung. Es geht natürlich nicht immer alles gut. Besonders am Silverplaner See kommt es wohl öfter zu Ungereimtheiten … Beim DWC läuft es meistens auch sehr gut. Aber Fehlentscheidungen wird es immer geben – in beiden Serien. Das ist eben so, wir sind alle nur Menschen.
T: Nach dem letzten DWC auf Norderney habe ich im Internet Diskussionen verfolgt, in denen es darum ging, ob man Freestyle vom DWC trennen und eine eigene deutsche Freestyleserie ins Leben rufen sollte. Ich war nicht auf Norderney und kann nicht sagen, ob die Bedingungen zum Freestylen gut gewesen wären. Du warst da, was hältst du von solchen Diskussionen?
J: Im Allgemeinen ist der DWC gut organisiert. Sicher könnte man mehr Freestyleeliminations starten und man wundert sich, warum ständig nur Slalom oder Racing gefahren wird. Das ist aber alles gar nicht so einfach, wie man denkt. Denn man kann nicht innerhalb von 30 Minuten einfach die Disziplin wechseln und der Wind ist ja meist sehr inkonstant. Auf Norderney waren die Bedingungen schwierig, es war genau auflandig und daher ziemlich wellig. In den Bedingungen wären die meisten wohl eh nicht zurechtgekommen. Vielleicht wäre es trotzdem gut gewesen, es zu probieren, denn viele wirklich gute, neue Fahrer waren angereist. Diese hätte man sicher zu weiteren Contests gelockt, wenn die Organisation gezeigt hätte, dass sie Bock auf Freestyle hat und dass man wirklich versucht, so viel Freestyle wie möglich zu fahren.
T: Junge Fahrer sind ein gutes Thema. Besonders aus der Karibik kommen gerade viele sehr junge Talente.
J: Das ist richtig. Im Freestyle benötigt man nicht so viel Erfahrung wie in der Welle bzw. man hat wesentlich öfter gute Freestyle- als gute Wavebedingungen und so sammelt man schneller Erfahrungen. Junge Talente werden mittlerweile stark von der Industrie gefördert, besonders Starboard reißt sich fast ein Bein aus, um die Kids zu unterstützen.
T: Siehst du das durchweg positiv?
J: Im Prinzip schon. Es ist immer gut, wenn junge Leute gefördert werden. Es gibt auch Beispiele, die zeigen, dass manche Kids mit Ruhm und Geld nicht umgehen können, abheben oder anfangen, Drogen zu nehmen. Im Freestyle geht es momentan heiß her, ein Star von heute kann morgen schon weg sein. Auch darauf sollten die Kids vorbereitet werden.
T: Alles klar. Jetzt musst du noch schnell Folgendes erklären. Als wir uns kennen lernten, hast du mir erzählt, du studierst Sport auf Lehramt, willst aber nicht Lehrer werden. Muss ich die Frage noch deutlicher formulieren?
J: Äh, was?
T: Wenn du nicht Lehrer werden willst, WARUM um alles in der Welt studierst du dann auf Lehramt?!
J: Ach so. Ich denke mal, dass ich mit Sport und Englisch so ziemlich alles werden kann.
T: Arzt? Pilot? Anwalt? Formel-1-Fahrer?
J (lacht): Das nicht gerade, aber meiner Meinung nach sind die Fächer eine gute Grundlage. (Jonas denkt nach) Und so schlimm ist es vielleicht auch nicht, als Sportlehrer in einer Turnhalle zu enden.
T: Ich hatte mal einen Sportlehrer, der hat mir eine 4 gegeben, weil ich seine Tasche nicht getragen habe. Das hat er wörtlich zu meinem Vater gesagt, als der sich wunderte, dass meine einzige 1 vom Zeugnis verschwunden war.
J: Da siehst du’s, auch als Sportlehrer kann man Spaß haben!




