Gratis-Kites und -Boards nach Belieben, Reisekostenbudgets, ein regelmäßiges Einkommen, das auch noch eine solide Altersrücklage erlaubt, und 220 „Arbeitstage“ pro Jahr auf dem Wasser. So etwa sieht die Idealvorstellung vieler Rider im Kitesurfen aus.Doch die durchschnittliche Realität ist davon weit entfernt. Die erste Stufe einer Sponsoringvereinbarung ist in der Regel noch relativ einfach zu erreichen: Kites zu einem reduzierten Preis vom Shop oder vom nationalen Importeur. Dabei bewegen sich die Preise dann im Bereich der Händlereinkaufspreise oder auch etwas darunter (HEK minus x Prozent). Manchmal werden die Kites auch zur Verfügung gestellt und müssen nach der Saison wieder zurückgegeben werden. Wer ein Sponsoring darüber hinaus sucht, wird es sehr schwer haben, einen erfolgreichen Abschluss zu finden.
Deutsche Pros können, mit sehr wenigen Ausnahmen, nicht vom Kitesurfen leben. Kitesurfen ist zwar eine angesagte Trendsportart, die immer mehr Interessenten gewinnt, Vermögen werden aber in dieser Branche nicht verdient, denn dafür ist der weltweite Markt noch viel zu klein und gleichzeitig zu wettbewerbsintensiv. Nicht ohne Grund verschwinden immer wieder Marken, wie zuletzt Takoon, innerhalb sehr kurzer Zeit von der Bildfläche.
Sponsoring in der oben beschriebenen Form der Idealvorstellung ist eine Seltenheit und trotzdem gelingt es einigen Ridern, dies zu erreichen.
Wir wollten gerne mal wissen, wie ein deutscher Importeur das Thema Sponsoring sieht und welche Anforderungen gestellt werden. Dazu haben wir ein Gespräch mit Dirk Wittenborg, Importeur von F.ONE für Deutschland und Österreich, geführt.
Free: Ihr habt den Import von F.ONE ja erst im November 2003 übernommen. Dementsprechend habt ihr euer Team sozusagen auf der grünen Wiese aufgebaut. Welche Kriterien sind bei euch entscheidend, wenn ihr einen Teamfahrer ins Team aufnehmt?
Dirk: Die Überlegungen dazu sind aus unserer Sicht sehr einfach. Die Aufnahme eines Teamfahrers lässt sich am besten mit der Ausschreibung einer Teilzeitstelle in der Marketingabteilung vergleichen. Das heisst, den entsprechenden Kosten für uns sollte eine konkrete Gegenleistung des Teamfahrers gegenüberstehen.
Free: Entstehen euch wirklich Kosten durch das übliche Standardmodell „günstige Kites“? Sei doch mal ehrlich, wenn ihr den Teamfahrern die Kites zu HEK minus x Prozent gebt, entstehen doch für euch keine Kosten, sondern ihr verkauft am Ende nur zusätzliche Kites mit etwas kleinerem Gewinn. Und vermutlich würde der potentielle Teamfahrer den Kite andernfalls nicht kaufen. Insgesamt also noch ein gutes Geschäft für euch.
Dirk: Oberflächlich betrachtet stimmt diese Überlegung, sofern man nur auf den Vergleich von unserem Einkaufspreis und den Preis für die Teamfahrer schaut. Dabei handelt es sich ja auch nur um die erste und einfachste Stufe des Sponsorings. Bezieht man dann noch die anderen Aktivitäten wie Reisen mit anteiliger oder vollständiger Kostenübernahme, Einbindung in unsere Medienarbeit etc. mit ein, so ergibt sich doch ein anderes Gesamtbild.
Free: Wir konnten im ersten Jahr eurer Tätigkeit sehen, dass einige Dinge passiert sind, die über das übliche Standardmodell hinausgehen. Was leistet ihr für eure Rider und welche Erwartungen habt ihr an potentielle Teamfahrer?
Dirk: Es hört sich simpel an, ist im Detail aber dann doch nicht so einfach: Es kommt auf ein ausgewogenes Verhältnis von Leistung und Gegenleistung an. Das heisst, der Teamfahrer kann von uns mindestens erwarten, dass wir ihn mit Material unterstützen. Dabei sind Modelle von reduzierten Kaufpreisen bis zur kostenfreien Bereitstellung ohne Rückgabeverpflichtung möglich, sofern der Rider in der Rangliste ganz oben mitfährt. Darüber hinaus binden wir einige Teamfahrer in unsere Werbung ein, helfen dabei, branchenfremde Sponsoren zu finden, stellen Reisebudgets für die Wettkampfteilnahme, veranstalten Teamreisen etc. Unterm Strich unterstützen wir unsere Teamfahrer dabei, ihren Marktwert zu erhöhen. Dabei besteht natürlich die Gefahr, dass der Rider im Folgejahr teurer oder von der Konkurrenz abgeworben wird. Auf lange Sicht wird sich unsere Arbeitsweise aber auszahlen und auch die Loyalität unserer Rider stärken.
Free: Die Einbindung der Teamfahrer in eure Medienarbeit konnten wir im Laufe des Jahres verfolgen. Leider noch nicht bei uns!!! Was hat euch dazu bewogen?
Dirk: Wir haben uns die Werbung angesehen und waren der Meinung, dass es für die Leser der deutschen Fachmagazine doch eher langweilig ist, immer nur die Bilder von internationalen Ridern zu sehen, die keinerlei Bezug zu unseren Spots in Deutschland haben. Es erschien uns logischer, zum Beispiel Apichard (Api) Kälbert, Kitelehrer in St. Peter Ording, in die Werbung einzubeziehen. Erstens wird er am Strand mit dem entsprechenden Imagewert für uns wiedererkannt und zweitens hat es die Nachfrage nach Kitekursen bei ihm wesentlich gesteigert. Das Ergebnis ist so, wie wir es erhofft hatten, und ist somit für beide Seiten attraktiv.
Free: Das ist ja schon mal mehr, als die Teamfahrer sonst geboten bekommen. Was sollte die Gegenleistung des Teamfahrers sein?
Dirk: Bei den meisten Bewerbungen, die wir von Teamfahrern erhalten, fehlt der Teil „was kann der Rider für uns tun“ fast vollständig. Letztes Jahr erreichte uns eine Bewerbung, die sich zusammengefasst wie folgt las: „Ich kite extrem gut, sehe gut aus, alle wollen mich haben, auf HEK minus x Prozent habe ich keinen Bock, es muss schon etwas mehr sein, macht mir mal ein Angebot.“ Dieses Beispiel zeigt, dass Sponsoring leider oftmals nur als einseitige Sache gesehen wird und damit für einen Hersteller oder Importeur weitgehend uninteressant ist. Natürlich haben wir auch im Laufe der Zeit gelernt, bei Anfragen unsere Erwartungen sehr schnell deutlich zu machen. Bei der Entscheidung, einen Teamrider aufzunehmen, stellen wir uns immer die Frage: Trägt der Rider positiv zum Image unserer Marke bei und wie kann er/sie uns helfen, am Ende des Tages mehr zu verkaufen? Dabei geht es um lange Sicht, auch wenn der Effekt nicht immer messbar ist. Daher sind auch alle unsere Teamrider im Rahmen der Sponsoringvereinbarung an einen Shop gebunden, mit dem sie zusammenarbeiten.
Free: Woran genau macht ihr das fest, ob ein Rider positiv zum Image der Marke beiträgt?
Dirk: Das fängt schon bei einfachen Dingen an. Die Form einer Bewerbung sagt schon viel über die Person dahinter aus: Schlechte Bildqualität, fehlerhafte Texte, kein Hinweis auf die Gegenleistung des Fahrers sind ein schlechter Start, aber leider weit verbreitet. Gutes Fahrkönnen kann dabei helfen, ein effektiver Teamrider zu sein. Allein ist es aber viel zu wenig. Von unseren Teamridern erwarten wir nicht, dass sie unsere Produkte bedingungslos loben und jedermann zum Kauf überreden. Wir erwarten, dass sich ein Teamfahrer seiner Teilzeitrolle in unserer Marketingabteilung bewusst ist und uns hilft, unser Produkt professionell zu vermarkten. Wichtige Aktivitäten sind dabei, an Wettkämpfen erfolgreich teilzunehmen, unsere Marke am lokalen Spot zu repräsentieren und interessierten Personen das Testen zu ermöglichen, Reiseberichte und Fahrtechnikberichte zu schreiben, die wir dann gemeinsam den Magazinen anbieten, aktiv an der Diskussion in den Foren teilzunehmen, den lokalen Shop beim Verkauf unserer Produkte zu unterstützen, etc. Mit der richtigen Einstellung und mit Engagement lassen sich viele sinnvolle Wege finden, uns zu unterstützen. Es lässt sich also nicht an einer einzelnen Komponente festmachen, sondern es ist die Summe der Dinge, die der Teamfahrer unternimmt, um sich und uns richtig in Szene zu setzen.
Free: Das hört sich eher nach einem Vollzeitjob bei Teilzeitbezahlung an. Erwartet ihr nicht zu viel?
Dirk: Es ist in vielen Jobs so, dass am Anfang das Gehalt deutlich geringer ist, als die erbrachte Leistung. Die Differenz ist umso größer, je beliebter die Rollen sind. Und für die Rolle „Sponsored Rider“ ist die Nachfrage deutlich größer als das Angebot. Wenn dann das gegenseitige Vertrauen da ist und der Nachweis vom Rider erbracht wurde, dass er seine Marketingaufgabe für uns ernst nimmt und ausfüllt, tut man sich als Sponsor leichter, die Unterstützung auszubauen. Das kann dann in Form von Reisekostenbudgets zur Unterstützung von Trainingsreisen oder auch durch regelmäßige Barzahlungen erfolgen. Das setzt aber voraus, dass der Teamfahrer seinen Imagewert und seinen positiven Einfluss auf den Verkaufserfolg schon nachgewiesen hat. Um das zu erreichen, muss der Rider sich auch selbst aktiv um seine Vermarktung kümmern. Viel auf dem Wasser sein, deckt maximal 30 Przent der Anforderungen ab.
Free: Wir haben den Eindruck, dass oftmals nur das Ziel verfolgt wird, möglichst viele Kites mit guten Ridern an den Himmel zu bringen, um dadurch das Image einer wichtigen und angesagten Marke zu erzielen. Spielt das für euch auch eine Rolle?
Dirk: Nach unserer Erfahrung ist es die häufigste Zielsetzung beim Sponsoring im Kitesurfen. Aus unserer Sicht macht dies aber nur begrenzt Sinn, denn alle wesentlichen Marken verfolgen die gleiche Strategie. Also erziele ich im Endeffekt nicht wirklich den gewünschten Erfolg zur Differenzierung der Marke. Nicht mitzumachen würde aber auch dazu führen, dass unsere Produkte relativ gesehen zu wenig präsent sind. Allerdings sind wir diesbezüglich in der Vergangenheit eher zurückhaltend gewesen, denn eine große Anzahl an Ridern ist zwar im Grunde hilfreich, aber ein einziger Rider, der nicht wirklich zu unserer Marke passt, kann auch sehr schnell eine negative Wirkung entfalten. Außerdem führt ein zu umfangreiches Produktsponsoring dazu, dass viele gebrauchte Produkte auf den Markt kommen und damit die Preise der neuen Produkte unter Druck bringen. Und als Vertrieb ist es eine wesentliche Aufgabe, sicherzustellen, dass die Shops mit unseren Produkten vernünftig und im Idealfall mehr Geld als mit den Konkurrenzprodukten verdienen. Das haben wir im ersten Jahr erreicht. Natürlich werden viele Endverbraucher sagen, dass die Preise für Kites und Boards sowieso zu hoch sind. Wir sehen das anders. Je mehr Kites und Boards zum Listenpreis verkauft werden, desto höher ist die Wertschätzung für unsere Marke und desto stabiler entwickeln sich die Preise für gebrauchte Produkte. Das ist letztendlich für alle Beteiligten sinnvoll. Und Porsche fahren kann sich in der Branche sowieso keiner leisten.
Free: Man sagt, dass ihr auf der Suche nach branchenfremden Sponsoren für einen Teil euer Teamrider seid. Warum wollt ihr das und wie ist der aktuelle Stand?
Dirk: Das stimmt. Der Grundgedanke ist relativ einfach. Deutsche Rider sind international nicht wirklich relevant. Die einzige Ausnahme sind Kristin Boese und Susi Mai, die beide auch noch eine wirklich gute Medienarbeit leisten, und Henning Nockel, der mit seinem Sieg beim Soul Wave das Ticket zum King of the Air nach Maui gelöst hat und auch eine sehr gute Vermarktung seiner Person und seiner Sponsoren leistet. Die mangelnde Bedeutung deutscher Rider in internationalen Wettbewerben ist nicht eine Frage des mangelnden Talentes, sondern eher die Auswirkung unserer kurzen Saison und des unzuverlässigen Windes. Ein deutscher Rider, der nur in Deutschland trainieren kann, kommt mit viel Glück auf 100 gute Tage auf dem Wasser. Ein Rider, der in Venezuela, Cabarete etc. lebt und trainiert, bringt es vermutlich auf die doppelte Anzahl. Bei gleichem Talent ist das Ergebnis klar. Das heisst, die einzige Möglichkeit, bessere Trainingsbedingungen zu erreichen, liegt darin, längere Zeiten zum Training an besseren Spots zu verbringen. Die Finanzierung dieser Reisekosten für mehrere Rider übersteigt einfach unsere finanziellen Möglichkeiten. Also bleibt nur der Weg, diese Kosten durch Gelder branchenfremder Sponsoren abzudecken und im Gegenzug den Sponsoren eine Image- und Marketingplattform in Zusammenarbeit mit uns und unserem Team zu bieten. Aktuell haben wir die Zusage eines Sponsors, der in 2005 unser Competition-Team unterstützen wird. Ich bin zuversichtlich, dass wir bis Jahresende noch zwei weitere Sponsoren gewinnen können.
Free: Damit lässt sich das Thema Sponsoring im Kitesurfen wie folgt zusammenfassen: Viele Bewerber für einen lausig bezahlten Job mit hohen Anforderungen, mit geringer Aussicht, mal vom Kitesurfen leben zu können, aber mit etwas Glück zumindest Kostendeckung für einen sehr attraktiven Lebensabschnitt erreichbar.
Dirk: So ungefähr. Da sitzen wir alle im gleichen Boot. Und schließlich haben wir uns alle diesen Sport und die Branche freiwillig ausgesucht. Zumindest arbeiten wir daran, dass wir die Situation für unser Team verbessern. Und der beste Ausgleich für alle Nachteile und Anstrengungen ist immer noch ein guter Tag auf dem Wasser.
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