Mike ist einfach mal abgehauen. Raus aus Deutschland und dem Berufs-Einerlei. Geflohen vor dem hippen Partygequatsche, den Stylo-Möchtegern-DJs und -VJs, dem coolen Großstadtflair. Jetzt wohnt Mike an der Algarve und hat das Leben gefunden, nach dem er schon immer gesucht hat. Mit Freundin Mie-Sook, der kleinen Tochter Julie und Hündin Masha wohnt der 31-Jährige zwischen staubigen Straßen und temperamentvollen, portugiesischen Bars und fühlt sich zum ersten Mal frei von deutschen Neidern, unsinnigen Zwängen und dem unerträglichen Alltagsgrau. In Portugal hat der Fotograf vor zwei Jahren seine neue Heimat und gleichzeitig eine neue berufliche Herausforderung entdeckt. „Hier unten stimmt einfach alles. Das Land, das Licht und natürlich die Wellen. Ich kann hier einfach unter besten Bedingungen meinen Beruf ausüben und mit meiner Familie leben.“
Den beruflichen Durchbruch hatte Mike damals in Deutschland durch die renommierte Musikproduktionsfirma BMG geschafft. Nachdem er in Nordrhein-Westfalen an einer privaten Kunstakademie Fotodesign studiert hatte, holte ihn ein Freund mit guten Kontakten in die Musikbranche nach München. Dort zeigte Mike sein Portfolio und bekam bald einen ersten Auftrag von BMG. Shootings mit Rappern wie Kool Savas, Raptile und dem legendären Pimp-Star Xzibit erwarteten ihn in der ganzen Welt. Durchgemachte Nächte und sinnfreie Diskussionen mit exzentrischen Musikern standen auf der Tagesordnung. Kein Leben für die Dauer.
Irgendwann packte er seine Sachen und machte sich auf seine ganz persönliche Suche nach den besten Shots. In Brasilien, Indonesien, Marokko, Peru und Kalifornien lernte er einen Lebensstil kennen, der ihn in seinen Bann zog. Surfen, fotografieren und die Zeit mit Menschen verbringen, die eine ähnliche Passion haben – so machte das Leben mehr Sinn. Einen ersten Versuch machte Mike 1998 auf Fuerteventura, doch die Insel passte ihm nicht: in seinen Augen zu viel Gehabe und Surf-Snobismus. Zurück in Deutschland schmiedete Mike weitere Auswanderungspläne mit seiner Freundin, Chefbookerin in einer deutschen Modelagentur. Die beiden brauchten für ihre Entscheidung nicht lange. Kurze Zeit nach Mikes Rückkehr aus Fuerteventura zogen die beiden nach Lagos. Ihre Kunden nahmen sie einfach mit. „Es gab hier unten keine professionelle Fotoagentur und wir konnten diese Nische ausfüllen“, erinnert sich Mike. Mittlerweile ist das zwei Jahre her. Töchterchen Julie ist gerade eingeschult worden. „So schnell werden wir nicht nach Deutschland zurückgehen. Dafür ist es hier einfach zu optimal. Wir haben einen unglaublich guten Freundeskreis aus Belgiern, Spaniern und
Engländern, die alle hier leben, um ihr Ding zu machen. Das passt mit unserem Leben gut zusammen. Wir haben unseren Spaß.” Ein paar gute Rides am Tag, ein Barbecue im Garten und danach ein Bierchen in der Bar – das reicht Mike schon. „Ich brauche keine Endlos-Party. Das alles hier macht mich sehr glücklich.” Eben dieser Freundeskreis ist es auch, mit dem Mike seine meisten Surfbilder produziert. Mike surft selbst, aber wenn das Licht stimmt, bleibt er auch mal am Strand, um die Shots in den Kasten zu bekommen. „Man muss in Portugal für gute Action-Surfbilder als Fotograf nicht mit ins Wasser. Wir haben hier so viele Beachbreaks, die von allen Seiten zugänglich sind, dass die Bilder vom Strand aus meist besser werden. Dann haben wir hier kaum Pointbreaks und man schwenkt mit der Kamera einfach hierhin und dorthin.” Diese Bilder werden entweder von einer Bildagentur in Hamburg, „Picture Press”, vermarktet oder aber sie landen direkt auf der eigenen Webseite www.prosurf-algarve.com. Die Webseite ist das jüngste Projekt von Mike. Zusammen mit einem Freund baut er hier ein Informationsnetz für alle Surfer und Surfinteressierte an der Algarve und in Deutschland auf. Leben lässt es sich von der Vermarktung der Seite allerdings noch nicht. Aber für den Lebensunterhalt hat er ja noch seine professionellen Aufträge, die zum Beispiel von Streetwear-Magazinen aus
Deutschland kommen. „Der einzige Nachteil meiner Arbeit vor Ort ist, dass Portugal ein armes Land ist und daher die Zahlungsmoral von portugiesischen Kunden manchmal zu wünschen übrig lässt.” Dennoch lässt es sich auch an der Algarve gut leben. Eine Produktionsfirma heuert Mike manchmal als Kameramann an. Ansonsten macht er Fotos, Fotos, Fotos. „Wir machen viel on Stock. Meine Freundin ist dabei die Produktionsleiterin und koordiniert alles.” Nächste Woche steht ein Dreh mit einigen bekannten Sportlern an. Doch auch an der Algarve ist nicht alles Gold, was glänzt. Auch als ansässiger Deutscher beäugt er die Surfer argwöhnisch, die den Spaß am Surfen und den Spirit des Sports gerne mal vergessen. Dazu befragten wir Mike genauer:
MR: Es gibt auch in Portugal Menschen, die einem die Welle nicht gönnen. Das ist natürlich ärgerlich, aber denen kann man mit Logik wie „ich bin Surfer, du bist Surfer“ nicht kommen. Ein bisschen kann ich das auch verstehen. Die meisten haben nichts anderes und profilieren sich nur über das Surfen. Ich persönlich habe zwar durch die Fotografie meist einen guten Draht zu den Jungs, aber wenn man bei besten Wellen da hinkäme und sich die ersten Wellen schnappt, kann man davon ausgehen, dass es massiven Ärger gibt. Vor zehn Jahren war es noch schlimmer. Da wurden Reifen zerstochen und Leute vom Wasser gescheucht. Ich denke immer, warum soll ich mich um eine Welle streiten? Ich will meinen Spaß haben und wenn schon zehn Leute im Wasser sitzen, muss ich da nicht auch noch hin. Man sollte froh darüber sein, dass man den Sport überhaupt ausüben kann, anstatt Stress zu produzieren. Das ist meine Meinung. In dieser Gegend sind es häufig Spanier, die am Wochenende hier rüberkommen und dann einen auf dicke Hose machen. Sie denken einfach, dass sie die ganze Woche gearbeitet haben und jetzt am Wochenende Spaß haben wollen. Rücksicht nehmen sie nicht.
FM: Ist der Lokalismus stärker als an anderen Spots dieser Erde?
MR: Das kann man so nicht sagen. Ich habe Geschichten von Leuten aus Santa Cruz in Kalifornien gehört, die erzählten, dass du dein Brett gar nicht erst zu Wasser lassen brauchst, wenn du nicht aus der Ecke kommst. Da gibt es richtig Stress.
FM: Für das so genannte „entspannte Surfer-Leben“ klingen solche Szenarien ziemlich unentspannt.
MR: Absolut. Ich finde sowieso, dass das Imponiergehabe immer schlimmer wird. Meiner Meinung nach liegt diese Entwicklung stark an den Surfmagazinen, die von Horrorgeschichten von Hawaii berichten, wo sich Leute im Wasser um die Welle prügeln. Wenn die Locals hier so etwas lesen, kann ich mir vorstellen, dass sie sich
denken, „bei uns ist das ja noch ziemlich harmlos – vielleicht sollten wir uns auch mal besser präsentieren und unsere Vormachtstellung deutlicher machen“. Das ist natürlich völliger Schwachsinn, denn gerade die Einheimischen leben von den Touristen. Die größten Locals haben die größten Surfgeschäfte. Dieser Zusammenhang geht nicht in meinen Kopf. Da stehen die am Vormittag in ihrem Laden und verkaufen den Touristen ein Board, um sie am Nachmittag lauthals auf dem Wasser zu beschimpfen. Das habe ich wirklich schon gesehen. Ein Bekannter von mir hat sich eine Stunde in einem Laden beraten lassen und dann schließlich für viel Geld ein Brett gekauft. Als er den Typen, der ihn so bombig beraten hatte, Stunden später auf dem Wasser traf, hat der ihn noch nicht mal gegrüßt!
FM: Mit ’ner Ameise geknobelt und das Gehirn gewonnen …
MR: Aber dieses Phänomen und aggressive Leute findet man in allen Sportbereichen. Ich glaube das Problem wächst, weil immer mehr Leute Wassersport ausüben und im Wasser sind. Ich kann die Leute verstehen, die vor zehn Jahren noch alleine auf dem Wasser waren und sich nun am Wochenende zwischen Tausenden wiederfinden. Natürlich nervt das. Aber wenn sie eine Surfschule haben oder einen Surfladen, müssen sie davon ausgehen, dass diese Menschen mit ihren Brettern ins Wasser gehen.
FM: Surfen erlebt ja zurzeit einen Hype. Jeder ist ein „Surfbabe“ und rennt mit einem Brett unter dem Arm herum. Nervt dich das?
MR: Nein, eigentlich nicht. Viele tragen ein Surf-T-Shirt und gehen einmal im Leben in ein Surfcamp, wo sie eine Woche lang surfen, aber sie verfolgen den Sport nicht. Surfen ist harte Arbeit. Bis man richtig gut surfen kann, dauert das seine Zeit. Die meisten hören damit wieder auf, weil es ihnen zu mühselig ist. Und diejenigen, die ein Posergehabe entwickeln und sich nur über die Marke ihrer Boardshorts profilieren, sollte man nun wirklich nicht ernst nehmen. Ich war einmal in Indonesien – am Strand und auf dem Wasser posten die Leute mit ihrem neuesten Material herum. Als der Swell wirklich richtig, richtig groß wurde, tauchten auf einmal vier Australier um die 50 auf. Bauchansatz, Uralt-Lycra und Bretter aus der Steinzeit, aber sie sind da rausgepaddelt und das war cool. Das macht den Spirit des Surfens aus. Man muss nicht sein Auto mit Surfstickern voll gepappt haben oder sich wie ein Surfer kleiden, um einer zu sein. Das ist albern. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass dieses Phänomen hauptsächlich in der Shortboardkultur auftritt. Die Kids werden leider auch stark von den Videos angeheizt. Vergleich mal eine Shortboard- mit einer Longboard-DVD! Schon allein die Musik macht das Shortboard-Video viel aggressiver. Ein Longboard-Video ist viel freundlicher und relaxter. Wahrscheinlich hat das auch etwas mit dem Alter zu tun. Ich kann mit meinem Egg auch den Pulk im Line-up umgehen, indem ich weiter ab liege. Alles andere macht das Surfen nämlich stressig!
FM: Merkt man als Surf-Fotograf den Unterschied zwischen Long- und Shortboardern?
MR: Ja, schon. Früher habe ich am Strand Flyer verteilt und da merkte man, dass sich die Shortboarder, oftmals die jüngeren, vor der Kamera profilieren wollten. Heute mache ich ausschließlich Fotos mit meinen Freunden. Dann verabreden wir uns am Strand und machen die Bilder, was auch wesentlich besser funktioniert, weil man sich ja nur auf einen Surfer konzentriert. Den anderen auf dem Wasser wird ziemlich schnell klar, dass man nur den einen Surfer fotografiert.
Auch wenn der Lokalismus manchmal nervt und die Zahlungsmoral der portugiesischen Auftragsgeber zuweilen schwächelt – Mike bleibt in Portugal. Es gibt eben einmalige Momente: Morgens bei aller Herrgottsfrühe allein aufs Meer hinauspaddeln und die erste portugiesische „Guten-Morgen-Welle” abreiten …
Weitere Infos über Surfen an der Algarve www.prosurf-algarve.com
Weitere Infos über Mike www.mie-sook.com




