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Meeresblick

meeresblick1.jpgSüdafrika. Es ist warm, die Sonne lacht vom Himmel, ein perfekter Sideshorewind umspielt die Beine. Szenenwechsel. Sylt. Es ist zwar warm, ein paar Wolken schieben sich dennoch grade vor die Sonne, ein perfekter Sideshorewind umspielt die Beine – doch die Gänsehaut schleicht die Beine hoch.

Warum um Himmels willen verlässt ein Südafrikaner freiwillig seine Heimat, um auf Sylt glücklich zu werden? Weil Sylt eben mehr bietet! Basta.
meeresblick2.jpg Sven Frank wird 1974 in Berlin geboren. Als er zwei Jahre alt ist, wandern seine Eltern mit ihm nach Südafrika aus, wo er brav die Schule besucht und seinen Abschluss macht. Mit 19 bekommt er den „Kap-Koller“ und verlässt den Süden, um mit einem Rucksack durch die Welt zu reisen. Seine Kohle verdient er sich für diese Trips als Barmixer und tourt so durch Griechenland, die Türkei oder Israel. Im Winter nimmt er zweimal die Saison in Lech am Arlberg mit und trifft dort auf Brian, der mit seinem Buddy Jens Heisig die Pisten schreddert. Ungläubig lauscht Sven den Schwärmereien von ihrer Insel. Wie? Da gibt es Wellen? Und Party satt? Mädels auch? Wahnsinn. Wie konnte er bisher die „Dom. Rep. Deutschlands“ übersehen haben? Gefragt, getan – im nächsten Sommer stand Sven mit seinem Rucksack am Bahnhof in Westerland – fest davon überzeugt, hier einen guten Sommer zu verbringen und danach wieder abzuhauen. Das ist nun acht Jahre her.
Mittlerweile wohnt, arbeitet und lebt Sven Frank, der weiße Mann aus Südafrika, auf Sylt und kann sich sein Leben ohne die Insel kaum mehr vorstellen. Zu seinem neu entdeckten Faible für den norddeutschen Nieselregen gesellt sich kurz nach seiner Ankunft auf Sylt auch ein neues Hobby. Kitesurfing! „Ich habe 1999 Jochen Fleischauer gesehen und war echt begeistert. Alle waren begeistert und wir wollten das unbedingt mal ausprobieren. In Südafrika habe ich mir meinen ersten Drachen gekauft und angefangen zu kiten“, erinnert sich Sven heute. Das Strahlen in den Augen ist bis jetzt noch nicht erloschen, wenn er über seine große Leidenschaft redet.

meeresblick3.jpgZurück aus Südafrika, den Kite im Gepäck, sieht er auf Sylt zwei Jungs, die sich ebenfalls mit den Drachen abmühen. Einer von ihnen ist Svens Chef aus dem „Seeblick“. Das erleichtert die Sache natürlich enorm. Wenn nun Wind ist, wechseln die beiden sich ab. Erst schaut der eine nach dem Restaurant und der andere darf aufs Wasser, dann andersrum. Das Material liegt direkt vor der Tür. Zwischendurch werden die „How-to-do-Infos“ ausgetauscht. Es gibt damals noch keinen, der sich richtig mit Kiten auskennt. Also versuchen die paar Sylter Kiter, sich den Sport selbst beizubringen. „Wir haben uns Zeitschriften aus Frankreich und den USA geholt und uns die Bilder so lange angeschaut, bis der Trick saß. Danach sind wir aufs Wasser und haben geübt, bis die Hände blutig waren!“ Es scheint sich gelohnt zu haben. 2002 wird Sven sogar Deutscher Vizemeister bei der Kitesurf Trophy. Doch die Halligalli-Zeiten mit Jost Backhaus, Henning Nockel, Andy Langhaus sind lange vorbei. Die Kitesurf-Herren der ersten Stunden haben sich mehr und mehr aus dem Contest-Geschäft abgemeldet und gehen eigene Wege. So auch Sven: „Es ist zwar schade, dass man sich nicht mehr auf den Contests sieht, denn wir sind echt gute Kumpels geworden. Aber vielleicht liegt es daran, dass wir alle etwas älter geworden sind. Ich zum Beispiel kann die ganz radikalen Manöver wie Handlepass auch nicht mehr machen. Das machen meine Knochen gar nicht mehr mit. Außerdem habe ich ja auch gar nicht mehr so viel Zeit wie früher.“ Mittlerweile sind Svens Verantwortungen im „Seeblick“ auf Sylt gewachsen. Als Geschäftsführer wird die Zeit auf dem Wasser nicht mehr. Und doch liegt eine Rückkehr ins warme Südafrika erst einmal ganz weit weg. „Die Kriminalität nimmt dort unten wirklich rapide zu.“ Außerdem passt ihm der Lebensrhythmus auf Sylt ganz gut – im Sommer arbeiten und kiten, im Winter mit der erarbeiteten Kohle reisen und kiten.
Eine seiner vielen Reisen geht jedes Jahr traditionell mit seinen Jungs in ein Kite-Paradies dieser Erde. Letztes und dieses Jahr war das Brasilien. Chef Jan sowie Mario und Axel vom Crêpestand sind jedes Jahr fest mit von der Partie.

meeresblick4.jpgDie Herrentour ist das Saisonhighlight. Zwei Wochen kiten, relaxen, essen, feiern. In dieser Reihenfolge. Auf „seine Jungs“ lässt Sven nichts kommen. Sie sind einer der Gründe, die ihn auf Sylt halten: „Mario, der Familienvater, ist ein ganz chilliger und beim Wellenreiten und Kiteboarden ein total stylischer Fahrer. Er hat seinen eigenen Betrieb unten an der Promenade, wo auch Axel arbeitet. Axel ist ebenfalls ein Zugezogener und kommt aus Hannover. Sein Spitzname ist Burli und er wiegt wegen seiner Muskeln bestimmt zehn Kilo mehr als alle anderen – bei gleicher Körpergröße! Wenn der auf dem Wasser ist, merkt man seine Muskelkilos richtig. Seine Moves sind absolute Power-Moves. Der macht die härtesten Kiteloops und trotzdem geht bei seinen Knochen gar nichts kaputt.“
Die Truppe stimmt. Jeder guckt bei jedem ab und bei Caipirinhas und Curacao gibts am Abend ausführliche Manöverkritik. Das hilft vor allem dem eigenen Weiterkommen. Jeder Urlaub wird auf Filmmaterial gebannt. Zu Hause angekommen, schneidet Sven die Ausbeute an Kitesurf-Action und brennt sie auf DVD. So entsteht jedes Jahr ein kleiner Film über die Jungs, mittlerweile ein gefragter Streifen auf der Insel. Bei Häppchen und einem kühlen Blonden fiebern Freunde und Fans der alljährlichen Filmpremiere entgegen. Aber nicht nur in Brasilien sind die vier Sylter die „TKKG-Bande der Kiteszene“. Auch auf der eigenen Insel rocken die vier die Wellen ab. So gut es eben geht. Hier muss man ja Rücksicht auf Kind und Kegel nehmen. Abends wird der Swell gecheckt, dann geht es morgens früh, ganz früh, wenn Sylt noch schläft, raus zum Kiten. Nach ein paar Stunden Drachen-Alarm auf der Nordsee geht es unter die Dusche und in kürzester Zeit werden aus den Kitern handzahme Gastronomen. Bereit für die Touristenströme. „Wenn wir Zeit haben, machen wir vier auch gerne mal einen schönen Downwinder. Das bringt auf 15 Kilometern richtig Bock. Dann lassen wir irgendwo ein Auto stehen oder jemand holt uns später ab und wir rippen so richtig schön die Wellen ab, ohne Rücksicht auf die Höhe nehmen zu müssen. Zwischendurch halten wir in Rantum noch mal bei Christiane in der Strandmuschel an, trinken eine Apfelschorle, essen eine Kleinigkeit und gehen dann wieder raus aufs Wasser.“
Es sind wohl diese Stunden auf der Insel, die Südafrika in weite Ferne rücken lassen. Ungeachtet des Nieselregens und der niedrigen Temperaturen. Und wenn das norddeutsche Wetter im Winter doch auf die Seele drückt, steht ja immer noch der gute, alte Rucksack in der Ecke und wartet darauf, dass Sven ihn packt und mit ihm Südafrika, Brasilien, Sansibar oder Australien bereist. Nur muss sich der Rucksack das Gepäckfach im Flieger seither teilen. Denn Kite und Board werden wohl auch in Zukunft immer mitreisen.

Free-Magazin Ausgabe 23 | Text Dörte Horn | Fotos Brian Bojsen

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