Es gibt einen gelben T4 in Kiel, auf den sein Besitzer ein DIN A 1 großes Kitebild geklebt hat. OK mag man nun denken, das ist ja noch nichts Verwerfliches. Etwas crazy wird es allerdings wenn man weiß, dass der sympathische junge Mann, der einen von dem Foto anlächelt, der Besitzer selber ist. „Was für ein Freak“, mag da manch einer denken! Aber genau das ist Matthias Larsen: ein Kitefreak!
FM: Sag mal Matze: Du gehörst nicht zur Top 3 der deutschen Kiter, dich kennt kaum jemand – warum mache ich eigentlich dieses Interview mit dir?
ML: Ich hoffe eigentlich schon, dass mich mittlerweile der ein oder andere kennt. Ihr ward so freundlich, mich auf eurem vorletzten Cover abzubilden und im letzten Jahr ist es auch wettkampfmäßig bei mir ganz gut gelaufen. Ich wurde bei den Deutschen Meisterschaften in St. Peter-Ording Dritter. Dieses Jahr hatten wir nicht so viel Glück mit dem Wind. Ich stand zwar noch nicht ganz oben auf dem Treppchen, aber ich versuche, auch über andere Wege Gas zu geben. Vielleicht haben auch Kiter wie Mario Rodwald ein bisschen mehr Talent.
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FM: Wie sieht es international aus. Hättest du im Worldcup-Zirkus eine Chance?
ML: Nicht so richtig. Es ist ziemlich utopisch für mich, dort unter die vorderen Plätze zu kommen. Viele internationale Fahrer sind um die 17 Jahre alt und trainieren – überspitzt gesagt – 365 Tage im Jahr in Cabarete. Wenn man im Freestyle unter die Top 10 fährt, ist man schon sehr sehr gut. Allerdings denke ich, die Surfbewegung im Kiten wird immer größer und da kann ich mir auch vorstellen, in Zukunft Contests international mitzufahren.
FM: Liegt der Erfolg beim Freestyle denn am Alter? So schlechte Trainingsbedingungen hat man auf der Ostsee auch nicht.
ML: Die Jungs fangen gleich mit den schwierigsten Tricks am Anfang ihrer Karriere an. Wir kiten hier zwar auch schon länger, aber Moves wie Big Airs sind für internationales Niveau zu wenig. Die Kids fangen heutzutage direkt mit Wakestyle an.
FM: Warum können keine Kids aus Deutschland mithalten?
ML: Weil sie zu wenige Sponsoren haben, um auch im Ausland unter permanent perfekten Bedingungen trainieren zu können.
FM: Aber wieso denn Ausland? Wir sind hier an der Ostsee – einer meiner Meinung nach perfekten Umgebung!
ML: Die nicht reicht.
FM: Versteh ich nicht. Wir haben hier Wasser und Wind.
ML: Aber nicht die Bedingungen, die man zum perfekten Kiten braucht – möglichst glattes Wasser und konstanten Wind. Die Holländer haben es schon besser. Bei uns ist viel Kabbelwelle, teilweise zu unbeständige Bedingungen. Da ist es viel schwerer und es dauert länger, neue Manöver zu lernen.
FM: Wieso kann Kristin Böse als Frau international mithalten?
ML: Die weibliche Konkurrenz ist nicht so groß. Dazu ist sie supertalentiert und ehrgeizig, trainiert ständig und überall. Mittlerweile hat Kristin einen großen Vorsprung und kann Tricks, die andere nicht können. Solche Klassenunterschiede gibt es bei den Männern nicht. Man spielt sein Programm ab und wenn einer der 20 Moves nicht klappt, ist man raus.
FM: Wie stehst du zum Thema Bow? Fahren national Leute mit Bow Kites bei Wettbewerben?
ML: Ja, rund fünf Prozent fliegen einen Bow. International fliegen eigentlich nur Teamfahrer einer Marke Bow Kites, wenn diese keine normalen Kites mehr im Produktsortiment hat. Ich bin der Meinung, dass Bow-Fahrer generell Punktabzüge bei den Wertungen bekommen sollten. Es ist mit Bows zum Teil einfacher, bestimmte Tricks zu machen. Beim nächsten internationalen Wettkampf sollen diese Punkabzüge wohl auch vorgenommen werden. Die Zukunft der Bow-Kites liegt wie ich finde nicht bei den Contests. Bei Wettbewerben werden weiterhin C-Kites eingesetzt, mit denen man bei Wakestyle-Tricks eine bessere und kraftvollere Performance erreicht.
FM: Du fliegst also C-Kites?
FM: Schon, ja. Ich probiere aber alles aus. Die Produkte ändern sich ziemlich schnell. Ich glaube, viele, die sich in den vergangenen Monaten einen Bow-Kite gekauft haben, wünschen sich, sie hätten besser noch eine Saison gewartet. Gerade bei den Bars liegt viel Entwicklungspotential, vor allem auch hinsichtlich des Safety-Themas. Da befinden sich manche Bows noch in der Steinzeit, was ich unverantwortlich finde. Für die kommende Saison kommen vielversprechende Produkte auf den Markt. Klar, dass ich als Slingshot-Teamfahrer nichts Schlechtes über einen Schirm „meiner“ Marke sagen würde, aber wie immer empfehle ich, neue Produkte selbst zu testen. Der neue Schirm, der Slingshot Link, hat die guten Eigenschaften von Bows und C-Kites vereint. Er verhält sich beim Depowern wie ein Bow, hat aber ein besseres Bar-Gefühl durch eine normale Fünf-Leiner-Bar mit getrennt laufender, fünfter Leine. Gleichzeitig fliegt er sich sehr direkt wie ein C-Kite. Wer auf die typischen Bow-Eigenschaften setzt, kann den Link auch als Vierleiner mit Waage fliegen. Persönlich mag ich das erst angesprochene Setup lieber. Damit fliegt sich der Kite deutlich direkter. Generell finde ich diese Variationsmöglichkeit sehr cool. Meinen eigentlichen Kite, den Fuel, kannst du ebenfalls über die unterschiedlichen Anknüpfpunkte verstellen und in seinen Eigenschaften variieren. Leider ändern nur wenige das Setup und merken nicht, dass sie den Kite besser an ihre Bedürfnisse anpassen und ihn auch über mehrere Windstärken fliegen könnten …
FM: … was ein großer Vorteil der Bow Kites sein soll. Ich finde es unverantwortlich zu erzählen, dass man mit einem Schirm unendlich viele Windstärken fliegen kann. Das gibt ein falsches Sicherheitsgefühl, was in meinen Augen gefährlich sein kann, denn überpowert einen zu großen Kite zu fliegen, finde ich scheiße. Die Quadratmeterzahl am Himmel bleibt schließlich gleich, egal wie viel Windstärken du hast. Beim Windsurfen brauchst du theoretisch auch nur ein Segel, nur Spaß bringt das dann keinen mehr.
ML: Genau das ist der Punkt. Das komfortable Fahren bleibt auf der Strecke. Im Grunde braucht man zwei bis drei Kites. Ein Bow Kite hat zwar mehr Depower, aber der Fahrspaß geht flöten. „One size fits all“ dem Kunden zu verkaufen, ist Quatsch und gefährlich.
FM: Ich finde, das wird auch falsch kommuniziert. Ein 12er bleibt ein 12er, auch wenn die anderen 8 fahren.
ML: Ja, der 12er zieht dich ordentlich weg, wenn du Scheiße baust. Ich wundere mich sowieso, dass nicht mehr Unfälle passieren. Ich weiß auch gar nicht, wo diese ganzen Bow Kites verkauft werden. Wahrscheinlich kaufen sie die Binnenkiter, die bei böigem Wind kiten gehen und von daher einen Schirm brauchen, der Druck macht und schneller dreht. In Kapstadt ist der Boom extrem und ich hätte diesen Hype auch in Deutschland erwartet. In Südafrika waren zum Teil 70 Prozent Bows an den Stränden, was an den heftigen und sehr unterschiedlichen Bedingungen liegt. Aber irgendwie hält sich das in Deutschland in Grenzen. Ich habe fast schon wieder das Gefühl, dass der erste große Begeisterungsansturm auf die Bow Kites vorbei ist. Aber es wird weiter in diese Richtung gehen, einen großen Depowerbereich abzudecken und den Schirm dennoch komfortabel zu fliegen – der größte Anspruch eines Kiters. Trotzdem muss die Bar ein gewisses Bar-Gefühl vermitteln.
FM: Ich höre immer, dass Bow Kites sich zum Schulen eignen …
ML: Ich gebe seit fünf Jahren Unterricht, aber ich schule nicht auf Bow Kites, da meines Erachtens bei einigen Marken die Sicherheit nicht gegeben ist: Viele Bows können nicht über eine Safetyleash drucklos auswehen und ein Kite ohne vernünftige Safety Leash ist wie ein Auto ohne Anschnallgurt.
FM: Sag mal, so richtig arbeiten tust du aber nicht …
ML: Ich muss mich ja auch schonen, damit ich auf dem Wasser gute Leistungen zeige! Spaß beiseite. Stell dich mal zwei Tage nacheinander in hüfthohes Wasser und lauf herum. Dann merkst du, dass auch der Job des Kitelehrers anstrengend sein kann. Außerdem studiere ich Sport und Ernährungswissenschaften, zumindest im Sommer. Da ich in den letzten drei Jahren im Winter immer weg war, komme ich nicht so richtig voran. Vielleicht schaffe ich doch noch meinen Abschluss.
FM: Du bist der Grund, warum Studiengebühren eingeführt werden!
ML: Was, wieso? Ich bin jetzt im achten Semester, das ist doch noch völlig in Ordnung. Ich denke, noch vier weitere Semester und ich bin durch.
FM: Man munkelt, du wirst Germany’s Next Top-Model!
ML: Schön wärs! Wenn ich im Winter in Kapstadt bin, läuft mein Model-Job tatsächlich ganz gut. In Deutschland muss man sehen, was noch geht. In Hamburg habe ich jetzt eine Agentur, die mich professionell vermarkten soll.
FM: Das heißt, Fastfood und Saufen ist nicht?
ML: Doch.
FM: Hast du Bulimie?
ML: Nein, das nicht. Ich trinke gerne mal einen Havanna. Noch passiert da mit meinem Körper zum Glück nichts.
FM: Mit 30 macht es klick, das kann ich dir versprechen…
ML: Beim Kiten verbrennt man wirklich viel Fett, da kann ich also auch weiter ab und zu einen trinken gehen. Außerdem hilft Alkohol, das Gehirn auszuschalten, wenn man neue Tricks lernt.
FM: Also bist du grundsätzlich besoffen beim Kiten?!
ML: Nein! Aber manchen Fahrern hilft es schon, wenn sie abends feiern waren. Ein französischer Top-Fahrer macht es zum Beispiel so: Er feiert viel, um am nächsten Tag auf dem Wasser möglichst „gehirnlos“ zu sein.
FM: Sonderlich beruhigend finde ich das nicht.
ML: Das ist etwas übertrieben dargestellt! Kein Top-Fahrer würde andere Menschen gefährden! Und solange man nur sich selbst schadet, ist es jedem selbst überlassen. Wenn man in seiner Sportart weiterkommen möchte, muss man auch Risiken eingehen. Das ist bei allem so!




