Als ich mich umdrehe, liegt der Typ schon am Boden. Sein Gegenüber hat ihn gefällt wie einen Baum. Allerdings ist bei beiden der Alkpegel so hoch, dass die Geräuschkulisse die Kampfszene bei weitem übertrifft. Weniger handgreiflich geht es in die nächste Runde Wein. Jeden Abend. Stimmt so nicht ganz, getrunken wird schon vormittags. Der Cafébesitzer macht die Karaffe mit dem Hauswein als erstes fertig, wenn er seinen Laden um acht Uhr öffnet. Erst danach schmeißt er seine Kaffeemaschine an. Alkohol ist den Männern der beste Freund.
Kein Wunder, dass die Jungs älter aussehen, als sie sind. Gezeichnet von einem harten, entbehrungsreichen Leben, entweder auf einem Fischerboot oder in den Bananenplantagen. Nach zwei Tagen kennen wir jeden Alkoholiker in Paul (Paul do Mar hat 500 Einwohner) persönlich. Das Café ist eines von zweien, die am jeweiligen Ende (oder Anfang) einer modernen Siedlung liegen. Diese wiederum befindet sich, nur durch eine Straße getrennt, direkt am Meer. Seitdem nagt die Feuchtigkeit an den Wänden der Wohnungen, die keine Heizungen haben. Zum Glück liegt Paul auf der Südwestseite Madeiras. Da scheint die Sonne, die den Verfall zeitweilig stoppt. Auch die Knochen der alten Menschen leiden unter der Feuchtigkeit. Kaum einer bewegt sich auf normale Weise. „Früher war das alles noch schlimmer“, erklärt uns Frode, ein alternativer Bauer. Ein Schwede, der seit 30 Jahren jeden Winter nach Madeira kommt und mittlerweile seine eigene kleine Plantage besitzt. „Strom gibt es hier in Paul erst seit Mitte der siebziger Jahre. Bevor es Siedlung und Straße gab, hausten die Leute in alten Steinhütten. Sämtlicher Dreck wurde über die Mauer auf den Steinstrand geschmissen. Die Besoffenen lagen im Dreck und die Kinder rannten nackt herum.“ Nachdenklich nippten wir an unseren Chinenas (Kaffees) und schauen den Kindern hinterher, die gerade aus der Schule nebenan kommen. Angezogen. In kurzer Zeit wurde auf Madeiras viel verändert. Der Fortschritt hielt, wenn auch spät, Einzug. Seit Portugal Mitglied der EU ist, fließt viel Geld auf die Insel im Atlantik. Weiter draußen im Meer liegen nur noch die Azoren, dann Amerika. Kein Wunder, dass die Insel lange Zeit der Zeit hinterherhinkte. Einsame Dörfer wie Paul do Mar oder das etwas berühmtere Jardim do Mar waren selbst bis Anfang der Jahrtausendwende nur sehr umständlich zu erreichen. Die meist enge, teilweise einspurige Straße schlängelte sich an den Berghängen entlang. Noch 1997 bei meinem ersten Besuch (Björns und Thores zweitem) brauchten wir vom Flughafen nach Jardim ungefähr so lange, wie der Flug nach Deutschland dauerte. Heute reißt man die Strecke in rund 50 Minuten auf einer Backe ab. Tunnel, breite, gut ausgebaute Straßen, Ampeln und Verkehrsinseln machen aus einem Abenteuer eine Kaffeefahrt. Vorbei an komplett überarbeiteten Dörfern, modernen Häusern, Einkaufszentren, Straßencafés und einem, man soll es kaum glauben, Yachtclub. Die Liegeplätze sind schon gut gefüllt, obwohl am Clubhaus noch die letzten Arbeiten durchgeführt werden. Im Februar, unserem letzten Trip, stand erst der Rohbau. Die Subventionen halten Einzug wie Cäsar im antiken Rom – mit großem Getöse und Brimborium. Nutznießer sind Investoren und Touristen. Buslandungen voller hektischer Rentner und ökologisch angehauchter Trekkies sind die liebsten Besucher der Blumeninsel. Die werden mit verliebtem Blick auf dem Rückflug mitgeschleppt und unter Argusaugen in die Gepäckablage begleitet. Ab und an schlagen auch Surfer auf. Vorwiegend im Winter, wenn die Tiefdruckgebiete den Atlantik anfeuern. Best of: Nordwest- bis Westswell. Die Insel braucht einen großen und vor allem konstanten Swell, der um die Nordspitze herumdreht. Leider sind diese Bedingungen extrem selten – egal wie gut die Wettervorhersage ist. Auch für diesen Trip waren rund 20 Fuß angesagt. Das Ergebnis war mal wieder eher ernüchternd. Madeira ist ein echtes „Last-minute-Ding“. Läuft der Swell, muss man so schnell wie möglich hin. Setzt er sich aber auch nur ansatzweise durch, kann es haarig werden. Zumeist für denjenigen, der wenig Erfahrung, aber eine große Klappe hat. Dafür braucht es keine sechs Meter, es reichen schon zwei. Die Wellen kommen aus extrem tiefem Wasser, sodass sich ihre Power kaum verringert. Anfänger oder Maulhelden haben hier definitiv nichts zu suchen, obwohl man sie überall trifft. Diesmal kommen sie aus München …
Jardim do Mar ist das beste Beispiel dafür, dass die EU-Fördermittel nicht überall Gutes bringen. Gute zehn Meter wurden dem Meer genommen, um eine ordentlich asphaltierte und großzügig beleuchtete Promenade aufzuschütten. (Der portugiesische Ministerpräsident bezeichnete Surfer als Gesindel – quasi als Menschen ohne Rechte. Wenn er erst nachgedacht und dann geredet hätte, wäre ihm aufgefallen, dass es in der Regel Surfer sind, die den Tourismus bringen, wie die Beispiele Bali, Südafrika oder Kapverden zeigen.)
Wo früher „die große Jardim“ brach, liegen heute Tetrapoden. Von der alten Steinmauer, auf der wir früher saßen, blieb ein kleines Stück erhalten. Ähnlich der Berliner Mauer, bezeugt sie eine vergangene Zeit. Zumindest die fünf Touristen am Tag sind froh, endlich auch ohne Bergstiefel um das Dorf herum promenieren zu können. Überhaupt hat sich Jardim sehr verändert. Der alte, staubige Marktplatz, auf dem früher zweimal am Tag der Bäcker beim Bremsen das halbe Dorf einnebelte, wurde ebenso wie das Meer asphaltiert. Gute Handwerksarbeit steht hier anscheinend hoch im Kurs. Man ist stolz auf die moderne Zeit und will es auch zeigen. Mit oder ohne Sinn. Wo früher das riesige Gemälde des alten Jardim do Mar vom Bird-Painter (einem englischen Surfer, der die Winter auf Madeira verbrachte) prangte, sticht ein porentief reines „Persilweiß“ ins Auge. Für moderne, optische Abwechslung sorgt der elektrisch gesteuerte Brunnen, der in regelmäßiger Abfolge Wasserfontänen in die Luft schießt. Man ist gewappnet auf einen Touristenstrom, der nicht kommen wird – dafür freuen sich die Dorfältesten, die sich den ganzen Tag die Wasserspiele angucken. Es leben die EU-Mittel. Neues auch vor dem Marktplatz: ein großer Parkplatz und eine schöne, kurvige Straße zum Wasser runter. Auf dem Parkplatz: ein Käfig voller lauthals krakeelender Vögel. Wohl keine Reminiszenz an den Bird-Painter. Na gut, man muss sich mit der Gegenart abfinden. „You have to deal with it“, würden wohl die Amis sagen, die auch hier sind. Wenn sie die alten Zeiten kennen würden … Jardim ist das egal, die Welle bricht nur noch bei Low-Tide. Bei dem jetzigen Swell läuft Paul eh besser als Jardim.
Neben einer Hand voll Locals, die wir schon seit Jahren kennen, zog die gute Swellvorhersage auch ein paar portugiesische Pros aus Lissabon aufs Eiland. Unter ihnen ist Miguel, der vor einigen Jahren den letzten Big Wave Contest in Jardim gewann. Und da die Welt noch kleiner ist, als man allgemeinhin denkt, treffe ich auf Thore, einen Norweger. Als ich ihm erzähle, dass ich schön öfter dort war, um Stories zu produzieren, stellt sich heraus, dass er aus Stavanger ist und in einem Bericht, den ich für die ehemalige WAVE machte, auf einem Foto abgebildet ist. Das ist nun sieben oder acht Jahre her und ich frage mich, warum ich immer noch Surffotos mache. Der Gedanke ist schnell vergessen. Thore surft ja schließlich auch noch. Er ist auf einem monatelangen Trip von den Azoren, über Madeira, auf die Kanaren und was weiß ich noch wohin. Aber nicht nur die Insel verändert sich. Auch Björn und Thore Kroll, mit denen ich nun fast zehn Jahre unterwegs bin, unterliegen dem Zahn der Zeit. Thore, mittlerweile Vater, und Björn, mittlerweile Sammler von guten Weinen (Thore steht ihm in nichts nach, wenn es um gute Weine geht), lassen Raum für Veränderungen zu. Wir drei sind gemeinsam älter geworden. Vieles von dem, was uns früher wichtig erschien, drängte in die zweite oder dritte Reihe. Aus anfänglichen Trips ist eine lange Freundschaft entstanden. Jeder von uns kann sich auf den anderen verlassen, Absprachen werden eingehalten. Eine unabdingbare Voraussetzung, wenn man zusammen arbeitet. Was von uns nur als allzu normal empfunden wird, wird bei sehr vielen Leuten nicht mehr als wichtig empfunden. Nun gelten andere Regeln. Von den wenigsten verstanden.
Ich sehe die Veränderungen der beiden. Sie springen nicht mehr für jeden kurzen Surf ins Wasser, sind gelassener und bewusster geworden. Ich schließe mich dem an. Lieber weniger, aber dafür besser. Unverändert die Motivation, die auf vielen Trips auf eine harte Probe gestellt wurde. Tolle Wetterberichte stehen einer oft kargen Ausbeute gegenüber. Nach wie vor sind wir heiß, wenn es wieder losgehen soll (was zugegebenermaßen seltener geworden ist). Daran wird sich nichts ändern. Björn und Thore Kroll im Gespräch:
1996 seid ihr die ersten deutschen Surfer auf Madeira gewesen. Wie habt ihr die Insel entdeckt und wie hat sie sich seitdem verändert?
Björn & Thore Kroll: Wir haben einen Bericht im Surfers Journal (Lost in time) gesehen. Es stand kein Name der Insel im Text, sondern nur Längen- und Breitengrade. Uns war sofort klar, dass wir dort hinwollten. Im Bericht standen nur die Namen der Dörfer Paul do Mar, Jardim do Mar und der ein oder andere Point. Wir suchten die Insel, schlugen die Karte auf und fuhren hin. Seitdem hat sie sich zum Negativen verändert. Für die Bewohner wohl eher zum Positiven, denn für sie wurde das Leben durch EU-Tunnel und Straßen viel einfacher. Die Gelder allerdings haben Jardim die Persönlichkeit genommen, es wurde vieles hochgezogen, auf das kaum jemand wirklich gewartet hat. Wirklich traurig. Eine Promenade, die kein Mensch braucht – danke EU. Das Wohnen ist teurer geworden, da die Insulaner natürlich auch den Euro geschnuppert haben. Früher übernachteten wir für 10 DM. Heute wenn es günstig ist für 10 Euro – also 1:1. Noch ein Hoch auf den Euro.
Heute gibt es viel mehr Locals. Während es damals höchstens drei bis vier waren, sind es heute bestimmt 20. Aber noch immer sind alle entspannt und das nicht nur, weil wir fast alle von früher kennen. Ansonsten hat sich auf Madeira nicht so viel geändert – immer noch „Lost in time“.
Ihr seid mit knapp zehn Jahren Sponsoring so etwas wie Urgesteine in der Surf-Szene. Was hat sich verändert?
Wir sind dankbar, dass uns Billabong seit fast zehn Jahren immer noch unterstützt. Mittlerweile geht es in die zweite Runde. Die Jungs haben jetzt auch Jonas Brunnert ins Team genommen, den wir vorgeschlagen haben. Wir kennen ihn schon seit seinen Anfängen. Dass man so gut surfen lernen kann, wenn man nur in Deutschland und Dänemark aufs Wasser kommt – Wahnsinn.
Was ist euch heute im Gegensatz zu früher wichtiger?
Thore: Meine Familie ist meine größte Veränderung. Meine Prioritäten haben sich dadurch zu 100 Prozent verändert. Es würde voll nach hinten losgehen, wenn ich weiter so viel surfen würde wie früher. Mit Frau und Kind muss ich mich natürlich engagieren. Umso besser, wenn man dann einen Sponsor hat, der einen ein bisschen unterstützt.
Björn: Seit elf Jahren bin ich nun selbstständig, mein Business ist gewachsen und ich habe einfach nicht mehr so viel Zeit wie früher. Ich für meinen Teil genieße bessere Wellen mehr als früher, nehme mein Leben viel bewusster auf. Früher war alles selbstverständlich. Habe ich heute einen guten Surf, freue ich mich viel mehr darüber – er wirkt intensiver nach. Egal wie hoch die Welle ist, Hauptsache ich kann mit netten Jungs auf dem Wasser sein und es genießen. Ich habe einfach keinen Bock mehr, mich mit begriffsstutzigen Locals herumzuärgern. Ich will in Ruhe surfen und genießen. Bin ich froh, dass wir unser Leben in den Griff bekommen haben. Früher sind wir jahrelang herumgedümpelt, sind nur gereist und kamen pleite wieder. Geil, dass wir jetzt wiederkommen und wissen, dass der Job weitergelaufen ist. Wir zahlen heute noch die Quittungen der alten Reisen …
Ich bin für bestimmte Sachen offener geworden, zum Beispiel Urlaub mit meiner Freundin. Ich bin mehr nicht so radikal wie früher, als es nur um mich gehen musste. Heute kann mich mehr darüber freuen, wenn sie sich in ihren Surfbedingungen wohl fühlt. Früher bin ich durchgedreht, wenn ich überhaupt mit meiner damaligen Freundin weggefahren wäre.
Ihr habt euch psychisch verändert – wie sieht’s physisch aus? Machen eure Körper noch mit?
Wir sind wählerischer geworden. Wir haben einfach keinen Bock mehr, in jede „Onshore-Dreckswelle“ reinzugehen. Das war früher anders, da zählte nur: Hauptsache Surf. Dennoch heißt das, dass wir heute immer noch heiß sind und uns noch verbessern wollen. Im Unterschied zu früher bereiten wir uns noch besser auf die Trips vor, gerade auf die Wintertrips. Wenn wir uns anschauen, wie die Jungs auf dem Wasser liegen, wenn wir im Winter unterwegs sind, dann ist das wirklich traurig. Vielleicht mussten wir so alt werden, um zu begreifen, dass es ohne Fitness nicht geht. Ich (Thore) spiele Wasserball und Björn geht regelmäßig ins Fitnessstudio und macht von ihm selbst entwickelte Übungen für die Schwimmmuskulatur. Als wir 32 oder 33 waren, haben uns zwei bis drei lange Sessions pro Tag nichts ausgemacht, bis wir gemerkt haben, dass die Regenerationszeit immer länger dauerte. Noch ein Grund mehr, den Surf bewusster zu genießen. Wir gehen ökonomischer aufs Wasser: Nicht in den ersten Minuten ausbrennen, sondern die Power einteilen. Jungs, da kommt ihr auch noch hin.




