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La derecha de los alemanes

12. November 2004, 23:00 Uhr. Kiel, Regen, vier Grad. Es ist Freitagabend und ich sitze im Büro und arbeite an einem Businessplan für ein neues Projekt, das wir in Kürze starten wollen. Meine Frau und meine Freunde sind auf einer Party. Scheiße, denke ich mir, da wäre ich jetzt auch gerne! Aber mein Frust verfliegt, wenn ich daran denke, dass ich am nächsten Morgen für fast einen Monat nach Fuerteventura fliege. Zusammen mit dem Ausnahme-Longboarder Brian Bojsen werde ich Menschen treffen, über die wir in unserem Fuerte-Special berichten möchten.13. November 2004, 16:25 Uhr. Fuerteventura, Sonne, 25 Grad. Wir steigen aus dem Flugzeug und mit einem Schlag ist der Frust der letzten Tage verflogen. Nur vier Flugstunden von Deutschland entfernt liegt das Paradies. Nicht, weil Fuerteventura eine so unheimlich schöne Insel ist. Darüber lässt sich sicherlich streiten. Aber für mich ist es paradiesisch, aus einem grauen, zukunftslosen Land in die Sonne zu fliegen. Hätten wir in Deutschland das Wetter der Kanaren, würden wir sicherlich nicht seit Jahren in einer wirtschaftlichen Depression stecken.

Jolli holt uns vom Flughafen ab. Wir fahren direkt an den North Shore und wollen unbedingt noch mal ins Wasser. Es ist fast dunkel, als wir dort ankommen. Die Wellen sind vielleicht nur ein bis zwei Fuß hoch, aber das ist vollkommen egal. Wir schnappen unsere Longboards und setzen uns an den Peak. Wir sind ganz alleine und schauen uns den Sonnenuntergang an. Ich bin kein Romantiker, aber an diesen Moment werde ich mich mein Leben lang erinnern. 24 Stunden vorher saß ich noch in meinem Büro, dachte über Potentiale und Entwicklungen nach, und nun sitze ich im Wasser mit Freunden, surfe kleinsten Swell in Shorts und Lycra und bin einfach nur glücklich.

Am nächsten Tag kehren wir an diesen Spot zurück. Der Swell hat zugenommen. Es ist 10:00 Uhr, im Line up sitzen an die 25 Surfer. Wir springen ins Wasser, paddeln raus. Draußen angekommen grüße ich die Leute, die an mir vorbeipaddeln, bekomme aber keine Reaktion. Ich setze mich nicht gleich an den Peak, auch wenn ich mit meinem Longboard locker jede Welle fünf Meter vor den Jungs mit den Shortboards bekäme. Aber an einer Kasse stellt man sich ja auch nicht nach vorne, wenn bereits zehn Leute in der Schlange stehen. Manche Surfer sehen das allerdings anders. Sie paddeln grundsätzlich an allen vorbei an den Peak, dropen anderen in die Wellen und schreien rum, wenn sie näher am Peak saßen und ein weiterer Surfer versucht, die Welle anzupaddeln. Man hört oft Worte wie „Penner“ oder „Arschloch“ über das Wasser gleiten. Wenn man den anderen ins Gesicht schaut, sieht man verbissene Menschen, die es anscheinend als Strafe empfinden, bei strahlendem Sonnenschein auf dem Wasser zu sitzen. Irgendwas läuft hier falsch, denke ich. Ich rufe Jolli zu: „Alter, wo sind wir denn hier gelandet?“ „Der Spot heißt eigentlich ‚Hierro’, wird aber nur noch ‚La derecha de los alemanes’ genannt,“ ruft er zurück. „Hierro“ ist der Spot ganz links am North Shore. Durch eine Lagune kann man bequem am Weißwasser vorbeipaddeln, was diesen Spot auch bei Anfängern so beliebt macht, und bei den Deutschen. „Ich gehe hier normalerweise nicht mehr surfen,“ sagt mir Jolli später (siehe Seite XX). „Die Stimmung ist grundsätzlich schlecht auf dem Wasser und das liegt nicht an den Spaniern, sondern zum größten Teil an den Deutschen.“

„La derecha de los alemanes“ (sinngemäß übersetzt: die Rechtswelle der Deutschen) passt wohl auch politisch ganz gut, auch wenn die Spanier diese Doppeldeutigkeit bei der Namensvergabe sicherlich nicht gewollt haben. Wir entschließen uns vom Wasser zu gehen. Ich paddele ein letztes Mal direkt am Peak sitzend eine Welle an und steh auf, sodass ein anderer Surfer zurückziehen muss; er schreit mir „Arschloch“ hinterher. Das war es, denke ich mir. Da ich nicht mit diesem genetischen Abfall in Verbindung gebracht werden will, entschließe ich mich, diesen Spot nie wieder in meinem Leben zu surfen.

„Gute Surfer bekommen jede Welle überall, nur die schlechten nicht und die sind dann schnell gefrustet,“ versucht Jolli mir dieses Phänomen zu erklären. Ich verstehe das trotzdem nicht. Wie kann man im Urlaub schlechte Laune haben? Wie kann man andere Leute bei tollen Bedingungen auf dem Wasser vollpöbeln? Nicht, dass ich nicht auch ganz gerne mal Menschen sage, was ich von ihnen halte. Aber auf dem Wasser?

Überall auf dem Planeten beschwert man sich über den ansteigenden Lokalismus an den Spots. Ich finde Lokalismus auch asozial, insbesondere, wenn es sich um unsere surferischen „Dritte-Welt-Spots“ an Nord- und Ostsee handelt. Nachdem ich „La derecha de los alemanes“ gesurft bin, kann man sich auf jeden Fall ein Bild davon machen, wie und wieso Lokalismus entsteht. Wenn sich die Surfer so respektlos auf dem Wasser verhalten, ständig anderen reindropen, immer, an allen wartenden Surfern vorbei, sich direkt am Peak platzieren, ohne vorher mal „Hola“, „Hi“ oder „Moin“ zu sagen, auf dem Wasser rumschreien, als ob ihnen der Planet gehörte, ist es kein Wunder, wenn den Surfern, die diese Wellen ihr zu Hause nennen, irgendwann der Kragen platzt.

Im November ging ein Aufschrei durch die einschlägigen Foren, als ein Video auftauchte, in dem ein Surfer von den „Locals“ beim Pipeline Contest auf Hawaii aufs Übelste verprügelt wurde. Die bekannten Schläger der Da Hui Gang machten ihrem Namen alle Ehre. Um es klar zu sagen: Diese Art des Lokalismus meine ich nicht, wenn ich sage, ich könne verstehen, dass manchen Spotbewohnern der Kragen platzt! Schließlich gibt es auch gewaltlose Formen des Lokalismus. Von den Da Hui Jungs ist nichts anderes zu erwarten. No brain – no pain. Kein Wunder, dass kein Mensch die „Friends of Da Hui“-Klamotten kauft. Wer möchte schon mit Koksern, Erpressern und Dealern befreundet sein?!

Ich bin mir sicher, dass sich ein Großteil der Surfer zu verhalten weiß und damit auch aktiv sämtliche Lokalismus-Formen verhindert. An alle anderen, die meinen, sich auf dem Wasser wie Gehirnamputierte verhalten zu müssen, sei Folgendes gesagt: Bitte legt das Magazin wieder hin, kündigt euer Abo und streicht es aus eurem Gehirn. Für euch machen wir es nicht, sondern für alle anderen, die mit einem Lächeln auf dem Wasser den Sonnenuntergang genießen.

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