Man kann schnell vom Ehrgeiz überrollt und vom Druck überfordert werden, wenn man ein professioneller Sportler ist. Manchmal wird der Druck so groß und man vergisst, warum man den Sport ursprünglich einmal angefangen hat. Das hört sich vielleicht wie eine Entschuldigung an, dass Sportler für das bezahlt werden, was sie gerne machen, aber wie in jedem anderen Job kann die ursprüngliche Leidenschaft von dem erstickt werden, was sie umgibt. Sei es durch den Erfolg, die Bekanntheit oder auch durch den Druck, finanziell zu überleben. Ich sah diese Reise als Chance, dem täglichen Leben und dem Druck, den unser Sport mit sich bringt, zu
entkommen und ihn stattdessen „back to basic” zu bringen. Meiner Meinung nach kann man den Spirit dieses Sports nur wieder zurück auf die Erde holen, indem man in ein fernes Land reist, wo es keine Ablenkung gibt und man eins mit der Natur wird, die einen in ihrer ganzen
Schönheit umgibt. Wir kamen daher gar nicht umhin nach Samoa zu fliegen, um unseren „Crossing Boundaries-Trip” zu machen. Samoa ist der Ursprungsort der polynesischen Kultur und liegt weit entfernt in der Mitte des Pazifiks.
Mit einem ganzjährigen, wunderbaren Klima gehört die Insel noch zu den weniger touristischen Inseln Polynesiens.
Das Konzept hinter der Jeep’s Crossing Boundaries Tour war es, die so genannten „Core Ocean Board Riding Sports“ an diesem einzigartigen Ort zu
vereinen, die Gemeinsamkeiten dieser Sportarten zu genießen und zu zeigen, wie eine Koexistenz zwischen ihnen möglich ist. Lange genug hat es Misstöne zwischen diesen Sportarten gegeben, oftmals von den älteren Sportarten gegenüber den neueren. Aber sie haben sich auch untereinander
zweifelsfrei beeinflusst. Wie unser Bootsmann im Camp so treffend sagte: „Wir teilen alle die Liebe zum Ozean und wir sind alle Brüder des Meeres.“
Mit diesem Satz in den Ohren suchte ich also nach Sportlern, die nicht nur ihren Sport vertraten, sondern auch bereit waren, Einblicke in die andere Sportart zu nehmen. Ich entschloss mich einen Longboarder, einen Shortboarder, einen
Windsurfer, einen Kitesurfer und schließlich eine Longboarderin mitzunehmen, die dem männlichen Testosteron trotzen sollte!
Longboarder: Zack Howard
Jacks Art zu surfen, zeigt eindeutig seinen Lebensstil – farbig, unvorhersehbar und nicht eine Minute langweilig. Dass er zwischen Malibu und
Hawaii aufwuchs, bedeutet, dass er nicht nur die kleinen Wellen à la Malibu, sondern auch die Power-Wellen von Hawaii perfekt beherrscht. Damit hat er sich den Respekt vieler Longboarder weltweit eingehandelt.
Shortboard-Surfer: Jamie Sterling
Ohne Zweifel ist
Jamie einer der meistrespektierten und eindrucksvollsten Big-Wave-Surfer der Welt. Er hat sein Leben seiner Karriere geopfert, indem er die größten Wellen der Welt bezwingen will. Jamie ist nicht nur das komplette Gegenteil von Zack, sondern auch ein entfernter Cousin. Früher haben die beiden ihre Zeit damit verbracht, sich gegenseitig in die Wellen am North Shore auf Hawaii zu pushen.
Windsurfer: Tristan Boxford
Tristan hat bereits einige World-Championship-Touren hinter sich und sowohl einen Britischen als auch einen Europameistertitel in der Tasche. Er ist seit jeher auf der Suche nach neuen Wellen und unterschiedlichen Kulturen. Diese Suche hat ihm das tiefere Verständnis für den Ozean gebracht und das Verlangen, Projekte zu schaffen, in denen der Spirit unserer Sportarten deutlich wird.
Kitesurfer: Adam Koch
Adam ist ein Visionär, der aus der Welt des Segelns kam, das Potential des Kitesurfens sah und auf den Zug aufsprang. Er bereut seitdem nicht eine Sekunde und wuchs zu einem der meist respektierten Kitesurfer der Branche auf. Er folgt seinen eigenen Zielen, anstatt den Trends nachzulaufen. Das hat ihn zu dem gemacht, was er ist.
Longboarder: Kelly Potts
Kelly ist die wahre Soulsurferin. Sie ist gegen Competitions und geht stattdessen den spirituellen Weg des Sports. Sie nutzt ihre Einstellung und ihr gutes Aussehen, um durch ihren Sponsor die schönen Seiten des Sports zu repräsentieren und gleichzeitig den Traum ihres Lebens zu leben.
Photograph: Erik Aeder
Erik Aeder ist der letzte Charakter auf unserem Trip. Er machte sich bereits in den frühen siebziger Jahren einen Namen als Surf-Photograph. Aeder endete in Maui und blieb dort wohnen. Seinen Durchbruch hatte er mit dem Hype um das Tow-in-Surfen und seinen Pionier-Einsätzen an den berüchtigten Spots wie Jaws auf Maui. Als Kitesurfing auf den Plan trat, war er es, der als einer der ersten Photographen diesen neuen Sport auf Papier bannte. Er ist heute einer der besten und führenden Ozean-Photographen der Welt. Ein perfekter Reisebegleiter also für unseren Trip.
Bevor ich nach Samoa kam, hatte ich gedacht, dass es mehr ein Surfurlaub werden würde mit höchstens ein bis zwei Windsurf-Tagen. Ich war bei unserer Ankunft dementsprechend überrascht, als der Wind nicht nur stark, sondern vor allem konstant blies. Nach ein paar Surf-Warm-ups bekamen Andy und ich schnell die Möglichkeit, unser Material aufzubauen und eine kleine Session zu surfen. Leider drehte der Wind ziemlich schnell onshore, was es schwer machte, aus der Impact Zone zu kommen, um dem blanken Riff zu entkommen. Ich hatte an jenem Tag einige Begegnungen mit dem Riff. Zum ersten Mal sah ich den Vorteil vom Kiten in solchen Bedingungen.
Adam kriegte einige gute Wellen an jenem Tag im Gegensatz zu mir, der einige Male den „Walk of Shame“ über das Riff antreten musste, um mein Material einzusammeln. In der Zwischenzeit hatten Jamie und Zack einige gute Lefts am Start. Es war unsere Jungfern-Session und wir wurden von Mutter Natur mehr als reichlich belohnt!
Der Wind wurde für Jamie und Zack zu stark und sie gingen zurück zu unserem Camp, um über eine Alternative nachzudenken. Freitagnacht ist der traditionelle Abend für Fia Fia auf Samoa, wo ein Schwein gefangen werden muss, um verspeist zu werden. Also machten sich Zack und Jamie auf den Weg, um uns ein Schwein zu besorgen … Und tatsächlich: Nach einiger Zeit kamen die beiden mit einem Schwein wieder und wir begannen unser traditionelles Fia-Fia-Fest.
Die Tage vergingen und die Wellen blieben leider klein. Ein paar Surfsessions hier und da, einige Windsurfsessions, aber nichts, was uns wirklich vom Hocker gerissen hätte. Abgesehen von dem Potential, was direkt vor unserer Nase zu liegen schien. Als Alternativprogramm besichtigten wir Wasserfälle, unternahmen Tauchabenteuer und trugen Ping-Pong-Wettkämpfe aus. Es ereignete sich nicht viel und Jamie wurde langsam unruhig. Sein Fokus liegt im Leben auf den größten Wellen der Welt und auf Computern, die ihm genau voraussagen, wann und wo ein Mega-Set zu erwarten sei. Aber das Internet ging irgendwie gegen unser Trip-Ethos und so hofften wir, dass er durchhalten würde, bis endlich die Wellen laufen sollten. Eigentlich hatten wir gedacht, dass es eher Zack, unser Wildcard-Gewinner dieser Reise, sein würde, der irgendwann durchdreht. Doch er überraschte uns damit, dass er sich sofort an den Rhythmus der Gruppe und der Reise gewöhnte. Fast genauso, wie er das auch mit den Wellen auf seinem Longboard macht.
Am folgenden Tag stellten Adam und ich nach einer kleinen Session mit unseren Windsurfern und Kiteboards fest, dass Zack und Jamie verschwunden waren. Die Zeit verging und die beiden tauchten nicht im Camp auf. Die Nacht brach an und immer noch war kein Zeichen der beiden zu sehen. Wir begannen, uns langsam ernste Sorgen zu machen.
Am nächsten Tag war Sonntag und am Sonntag ist auf Samoa Surfen verboten, denn nur Tätigkeiten, die sich nicht vermeiden lassen, sind an diesem Tag erlaubt. Crazy, oder? Also waren wir bis auf weiteres an Land gefesselt. Zack und Jamie waren immer noch verschwunden und so entschieden wir uns, für eine neue kulturelle Erfahrung in die Kirche zu gehen. Wir waren alle völlig unpassend gekleidet und sangen dennoch einträchtig die Kirchenlieder mit. Nur durch unsere großzügige Spende am Ausgang konnten wir unser unpassendes Äußeres ansatzweise wieder gutmachen. An einem wunderschönen Schnorchelspot auf der anderen Seite der Insel trafen wir am Nachmittag endlich wieder auf Jamie und Zack, die nicht etwa verschwunden waren, sondern sich einfach eine Nacht in einem klimatisierten Hotelzimmer gegönnt hatten. Obwohl uns Jamie eröffnete, dass er uns verlassen würde, da er das Warten auf den Swell satt hatte, war die Laune unserer Gruppe bestens, denn für die kommenden Tage wurde von den Einheimischen endlich Swell angesagt!
Am nächsten Tag wachten wir auf, ohne dass auch nur ein Hauch Wind in der Luft hing. Kleine, glassy Wellen ließen Kelly die Gelegenheit zu zeigen, was sie drauf hat. Auch Zack zeigte ein paar stylische Noserides, obwohl er sich zuvor beim Basejumpen am Wasserfall die Schulter ausgekugelt hatte.
Die letzten zwei Tage standen unter dem Motto „Alles oder nichts“. Unsere gesamten Hoffnungen hingen an diesen beiden Tagen. Und endlich kamen sie: saubere Überkopf-Wellen und ein linksbrechender Point Break namens Boulders waren die Belohnung für unser Warten. Wir schnappten uns die besten Wellen dieser Reise. Zack dominierte den Line-up mit einigen kritischen Turns, Noserides und Barrels, während auch ich mir die eine oder andere Welle schnappte. Adam war mit uns draußen und ritt ebenfalls Wellen ab. Was für ein wunderbares, gemeinsames Ende für eine solche Reise.
Epilog
Diese zwei Wochen zeigten mir wieder einmal mehr, dass man nur ein wahrer „Waterman“ sein kann, wenn man allen Wassersportarten offen begegnet. Egal welchen Sport du auswählst – die Leidenschaft gilt der gleichen Quelle. Mit unserer Reise haben wir gezeigt, dass es Tage zum Windsurfen, Kiten, Shortboarden und Tage zum Longboarden gibt. Wir zeigten auch, dass die Schönheit in der Kompatibilität liegt und nicht im Konflikt. Jamie sagte uns, dass er nicht gefahren wäre, wenn er ebenfalls Windsurfen oder Kitesurfen gekonnt hätte, denn dies hätte ihn innerlich zerrissen. Zack hörte man sagen, dass er sich auch „einen von diesen Drachen“ holen würde und sowohl Kelly als auch Zack nahmen sich vor, innerhalb eines Jahres Windsurfen zu lernen. Adam und ich erweiterten unsere bereits bestehende Leidenschaft zum Windsport und wurden dazu angetrieben, uns noch weiter zu pushen, auch wenn man mal bei null Wind auf dem Surfboard stand. Die Fähigkeit, Grenzen zu übertreten und in einen neuen Sport hineinzuschnuppern, ist eine Chance, die man nicht auslassen sollte. Wie Adam Koch bei unserem Abflug in Samoa sagte: „Jetzt, wo ich in LA lebe, weiß ich, dass jeder einmal im Leben eine solche Reise nach Samoa machen sollte!“
Vielen Dank an Jeep, Red Bull, Salani Surf Resort und Waterways Traveland Hawaiian Airlines.
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