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Interview mit Will James

{GALERIE} willjames1.jpgMosquito Coast. August 2005. Irgendwo in der Gegend von Nusa Tengarra im Indischen Ozean. Es ist ein besonders drückender, heiß schwüler Tag und die Brise, die sich gegen Mittag an Land aufgebaut hatte, beginnt sich aufs offene Meer zurückzuziehen und trägt dabei den allgegenwärtigen Geruch von Gewürztabak bis ins Line-up.
Die Tide ist beängstigend gefallen und Einheimische durchkämmen das nahe gelegene, offen liegende Riff nach Nahrung. Die Sonne brät das Riff und macht den Offshore-Wind unbeständig. 500 Meter weiter macht sich Will James auf dem Wasser gerade daran, eine Welle anzusteuern, kaum in der Lage, sich den Weg durch den riesigen Swell zu kämpfen, der trotz der einschlafenden Brise anhält. Es gibt einen Grund, warum er in diesen immer schlechter werdenden Bedingungen noch draußen ist. Wochen der Warterei haben nun ihren Höhepunkt gefunden. Die Tide hat den ganzen Nachmittag über ziemlich abgenommen und während sich die Wellen dem Land nähern, brechen sie an einem unglaublich flachen Riff und verwandeln sich zu perfekten Zylindern. Obwohl Will auf der Fahrt zum Fuß der Welle stark beschleunigt, bemerkt er, dass der Wind zu schwach ist und er sich verrechnet hat, weil er sich zu tief in die Welle gewagt hat – viel zu tief. Er sieht ein, dass er keine Wahl hat, während er am Fuß der Welle und genau unter der dicken Lippe einen Turn macht. Er wird in die Welle gezogen und vom resultierenden Closeout erwischt. Wie durch ein Wunder wird sein Körper nicht auf den harten Grund des Riffs geschleudert, aber er kann sich nicht orientieren und hat keinen Schimmer, in welche Richtung er an die Wasseroberfläche schwimmen soll. Bevor er die Wasseroberfläche erreicht, knallt sein Kite schon mit voller Wucht aufs Wasser, wird von der ganzen Kraft der Welle gepackt und zieht Will rückwärts mit Fullspeed unter Wasser. „Ich hatte keinen Plan, wie lange ich dort unten bleiben würde. Ich war so kraftlos und so schnell!“, gibt er später zu. Im Waschgang schrammt seine Ferse an Geröllbrocken vom Riff und Hautstücke werden von seinem Fuß gerissen. Als er sich an die Oberfläche gekämpft hat, sieht er Felix Piviec, der auf dem trockenen Riff steht und ihn angrinst, während er seine Leinen aufrollt. Felix scheint gerade genau dieselbe Erfahrung gemacht zu haben wie Will. Wenige Minuten später humpelt Will zum Camp zurück, der Kite ohne Luft, die Leinen vollkommen durcheinander, aus seiner Ferse strömt das Blut und hinterlässt tiefrote Punkte auf dem Sand. „Das war völlig abgedreht“, ruft er aufgeregt seinen Buddys zu. „So eine hohle Welle habe ich seit Wochen nicht gesehen!“
Es scheint, als würde Will solche Events völlig unbeeindruckt lassen. Vielleicht liegt das an seiner Kindheit. „Ich bin an der Ostküste der USA aufgewachsen und habe eine Menge Eishockey und Lacrosse gespielt. Das sind zwei superbrutale Sportarten! Ich war immer der kleinste im Team, was mir nicht wirklich half, aber mich auf jeden Fall robuster machte. Ich brauchte lange, bis ich annähernd so stark war wie die anderen Jungs.“ Offensichtlich hat ihm die Erfahrung, der kleinste Kerl auf dem Eis zu sein, bestens geholfen. „Nachdem ich als Teenager Hockey gespielt hatte, habe ich null Angst mehr davor, mal einen Schlag einstecken zu müssen. Man lernt einfach, dass, so schlimm man auch getroffen wurde, es nur eine Frage der Zeit ist, bis man wieder auf dem Damm ist. Man muss da draußen nicht der begnadetste Spieler sein, sondern man muss da raus gehen, den Puck aus der Ecke holen, einen Schlag einstecken und sich dafür nicht in die Hose machen.“
{GALERIE} willjames2.jpg Obwohl Will einige Zeit auf dem Eis und dem Spielfeld verbrachte, zeigte sich seine wahre Leidenschaft, als er mit neun Jahren von seinen Eltern ein kleines Boot geschenkt bekam. „Ich lebte auf dem Wasser und ich bin stundenlang alleine segeln gegangen.“ Seine natürliche Begabung für den Wind und die Wellen verbanden sich mit seiner Gabe, dass er sich hervorragend konzentrieren konnte, was wiederum dafür sorgte, dass er bereits im zarten Alter von 16 Jahren dreifacher Nationaler Meister wurde. In der Uni wurden ihm die „All American Honors“ für seine Segelleistungen zuteil. Im selben Jahr wurde sein Interesse für das Windsurfen immer größer und er beendete seine Segelkarriere zugunsten eines Mistral Boards. Obwohl er auf diesem One-Design-Boot durchaus Potential zeigte und man ihn einlud, mit der olympischen Mannschaft zu leben und zu trainieren – als Will zum ersten Mal einen Kiter auf dem Wasser sah, waren seine Tage als Windsurfer gezählt.
„Zum ersten Mal sah ich die Kiter, als ich mit dem US-Windsurfing-Team in Europa war. Niemand, der dort zum damaligen Zeitpunkt kitete, konnte upwind fahren, also begeisterte mich der Sport auch nicht wirklich. Einige Monate später war ich in Kailua und traf dort durch Zufall auf Robby Naish und Pete Cabrinha, die dort mit dem ersten Vierleiner zugange waren. Ich war tief beeindruckt von ihren Sprüngen und dem Potential der Schirme.“ In den wenigen Minuten, die Will am Strand stand und Pete und Robby zusah, war Windsurfen out geworden und Kitesurfen auf einmal mega in! „Ich bin danach vielleicht noch zweimal Windsurfen gewesen“, gibt er verlegen zu. „Ich habe immer noch mein olympisches Board und etwa fünf Riggs, die bei mir hinterm Haus verrotten.“
Wills erster Kite war eine aufblasbarer Zweileiner, den er bald gegen einen Vierleiner umtauschte. „Die Jungs auf Kailua waren die Ersten, die einen Vierleiner fuhren, mit dem sie Monate vor allen anderen bereits hart am Wind fahren konnten.“ An einem seiner Strandtage traf Will auf einen anderen Kite-Anhänger, Martin Vary. „Ich konnte jeden Tag mit einem der besten Kiter aller Zeiten üben. Das war ganz praktisch. Da wir in Kailua trainierten, waren wir gezwungen, auf Material zurückzugreifen, das auch mit den leichten Bedingungen zurechtkam und sich gut am Wind verhielt. Das war eigentlich ziemlich praktisch, als wir ein Jahr später mit dem Freestyle anfingen.“
Heute lebt Will im Winter ein einfaches Leben am North Shore. Von Mai bis September reist er viel für seine Sponsoren um die Welt.
Anfang Dezember sprachen wir mit Will und fragten ihn explizit zur Zukunft des Kitens und über die letzten Trends des Kitens in den Wellen.

{GALERIE} willjames3.jpgWie sehen die neuesten Einflüsse beim Wave-Kiten aus?

Die größten Einflüsse kommen natürlich aus dem Surfen. Die Jungs fangen an, sich auf ihre 6′0’’ Surfboards Fußschlaufen zu bauen und machen damit unglaubliche Turns. Das ist ziemlich lustig, weil wir im Prinzip wieder genau dort sind, wo wir im Bereich des Boarddesigns einmal anfangen haben. Am Anfang dachten wir noch, dass ein normales Surfboard nie im Leben fürs Kiten funktionieren könnte, weil es zu sehr schwingt, wenn man mit ihm upwind fährt. Damit lagen wir völlig falsch. Die letzten drei Saisons habe ich eine Menge Tow-in-Surfing auf Hawaii gemacht. Das hat mir sehr geholfen, die Wellen besser zu verstehen und einzuschätzen, wo man sich positionieren muss. Das ist der kritische Punkt beim Big Surfing. Diese Erfahrungen haben mir einen großen Vorteil gegenüber den anderen Wavekitern gegeben. Wavekiting ist dem Surfen sehr ähnlich, dennoch ist es dem Tow-in-Surfen noch ein bisschen näher, denn das Gesicht der Welle ist oftmals ziemlich uneben. Man kommt normalerweise mit einer Menge Speed in die Welle hinein, ähnlich wie beim Tow-in. Auch die Theorien beim Boarddesign sind zwischen Tow-in-Surfboards und Kiteboards ziemlich ähnlich und bewegen sich auf einem ähnlichen Level. Es ist einfach faszinierend, denn mit deinem Kite ziehst du dich ja praktisch allein in die Welle!

Denkst du, dass Wave Contests Zukunft haben?

Ja und nein. Nachdem ich in den letzten zwei Jahren viel Zeit damit verbracht habe, die perfekten Bedingungen fürs Wavekiting zu suchen, kann ich dir heute sagen, dass es extrem schwer ist, den perfekten Spot zu finden, um dort einen Contest auszutragen. Normalerweise weht der Wind an solchen Stellen immer nur für kurze Zeit, die Tide ist zu hoch oder zu flach, der Swell zu klein und die Windrichtung falsch. Ich kann perfekte Sessions, die ich pro Jahr habe, an zwei Händen abzählen. Demnach ist es unglaublich schwer, bei solch inkonstanten Bedingungen Dutzende Heats zu veranstalten, geschweige denn einen Finallauf, wo man richtig dicken Swell und fetten Wind hat – am besten auch noch mit perfektem Licht für Bilder und Videos. Ich würde eher mit dem Geld meines Sponsors und mit einem guten Fotografen an die besten Spots der Welt fahren und auf den richtigen Zeitpunkt warten. Manchmal dauert das Tage oder sogar Wochen. Aber wenn man hartnäckig genug ist, kann man richtig geile Shots bekommen. Klar ist das schwer. Es gibt immer so viele Unbekannte in der Gleichung. Mich persönlich macht das jedoch immer sehr glücklich, denn jeder Fahrer weiß, wie viel Schweiß, Zeit, Geld und blaue Flecken in einem lumpigen Bild stecken.

Wie siehst du die Entwicklung vom Kiten in großen Wellen?

Ich hatte gedacht, dass es eigentlich unmöglich sein wird, jemals in einer richtig großen Welle mit einem Kite zu fahren und dann auch noch Kontrolle darüber zu haben. Aber im letzten Jahr wurde ich eines Besseren belehrt. Wir sind unserem Traum, große Wellen mit dem Kite abzureiten, ein gutes Stückchen näher gekommen. Die neuen Vegas Kites sind in der Lage, zu depowern und dabei auch noch enorm stabil zu bleiben. Mehr noch als die Kites von vor einem Jahr. Das erlaubt es uns, ablandiger zu fahren als bisher. Ich fahre ein 5’10” Custom Kite/Tow Board mit einer Menge Gewicht, womit ich auch in richtig großem Swell die Kontrolle behalte. Im Prinzip fahre ich mein Tow-Surfboard, nur zwei Inches kleiner.

Free-Magazin Ausgabe 23 | Text Dörte Horn | Fotos northkites.com

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