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Interview mit Jaime Herraiz

{GALERIE} jamie1.jpgFM: Du hast mit dem Windsurfen aufgehört und dich vollständig auf die Seite der Kiter geschlagen. Das ist für einen Windsurfer wie mich schwer nachzuvollziehen!
JH: Das kann ich dir erklären. Ich habe in Tarifa gelebt und konnte jeden Tag bei optimalen Bedingungen surfen gehen. Die letzten drei Jahre in meiner Windsurfkarriere bin ich viel auf Maui gewesen und trotzdem konnte ich retrospektiv am Ende des Jahres nur sagen: „Ich hatte in diesem Jahr fünf oder sieben super Windsurftage.“ Beim Kitesurfen habe ich fast jeden Tag einen epischen Tag auf dem Wasser! 15 Knoten und Flachwasser reichen für unglaublich viel Spaß. Das hat mich gefesselt – ich war vom Windsurfen einfach zu frustriert.

FM: Aber hat dir die Freestyle-Entwicklung gar nicht gefallen?
JH: Doch total! Wenn überhaupt war es der Freestyle, der mich beim Windsurfen begeistern konnte, aber trotzdem hat mir die Branche nichts Neues mehr geben können.

FM: Du bist ein ziemlich guter Freund von Björn Dunkerbeck, stimmt’s?
JH: Ja, das stimmt, ich war lange Jahre sein Caddy.

FM: Sein was?
JH: Sein Caddy! Ich bin mit ihm gereist, habe ihm seine Segel aufgeriggt und bin mit seinem Material an die Startlinie gefahren, sodass wir kurz vor dem Start noch wechseln konnten, wenn Björn merkte, dass er doch eine Nummer kleiner oder größer fahren wollte.

FM: Hast du das bezahlt bekommen?
JH: Nein, nicht wirklich. Ich habe jede Menge Material und natürlich meine Auslagen bezahlt bekommen.

FM: Wann war das genau?
JH: Erinnerst du dich noch an das Jahr, als Björn den Open-water-Speedrekord in Tarifa gebrochen hat? Das ist schon ziemlich lange er. Vielleicht 1996 oder so, ich kann mich nicht mehr genau erinnern.

FM: Und das hast du zwei Jahre lang gemacht?
JH: Mehr oder weniger. Das war natürlich nicht mein Full-Time-Job. Er hat immer mal zwischendurch angefragt, ob ich ihn hierhin und dorthin begleiten möchte und so bin ich mitgereist. Im „wirklichen Leben“ habe ich für einen Vertrieb in Tarifa gearbeitet. Aber ich war zu der Zeit dem Windsurfen sehr „committed“ und die Reisen mit Björn, die Art, wie er sein Material aufriggt, wie er seine Boards behandelt – das hat mich sehr viel gelehrt. Außerdem hat es einfach unglaublich viel Spaß gemacht, mit Björn abzuhängen. Aber jetzt habe ich ihn schon ewig nicht mehr gesehen. Irgendwann haben wir uns mal auf Maui getroffen, als ich dort zum Kiten war. Da haben wir über die guten alten Zeiten gequatscht und uns an seine legendären Geburtstagspartys in Tarifa erinnert. Sein Geburtstag fällt nämlich in den Zeitraum der Tarifa Speed Week. Unglaublich, wie wir uns an diesem Abend abgeschossen haben. Björn ist eine „Drinking-machine“, so was von trinkfest, da komm ich nicht mehr mit. Gesund war unser „Revival“ auf Maui jedenfalls nicht …

FM: Was hältst du eigentlich von Björns Wechsel von Neilpryde zu North Sails?
JH: Das ist ziemlich interessant, wenn du mich fragst. Er hat es eigentlich nicht mehr nötig, arbeiten zu gehen und dennoch ist er immer wieder auf dem Wasser und fährt bei allen Wettkämpfen mit – rein aus Spaß und Ehrgeiz. Dass Björn jetzt ein Comeback mit North Sails hat, ist nicht nur gut für ihn und North Sails, sondern für die gesamte Windsurfbranche, denn mit Björn kommt ein Stückchen „altes, neues Blut“ zurück in den Windsurf-Zirkus. Auch Leute wie ich, die ja mittlerweile zum Kiteboarden übergewechselt sind, bekommen wieder richtig Lust, auf ein Slalomboard zu steigen!

{GALERIE} jamie2.jpgFM: Was ist deine Aufgabe bei North Kiteboarding?
JH: Ich mache ein bisschen von allem. Hauptsächlich bin ich für die Entwicklung der Kites zuständig.

FM: Ist es nicht richtig schwer, jedes Jahr etwas Neues auf den Markt zu bringen?
JH: Absolut, aber irgendwie finden wir immer neue Sachen, die uns ein komplett neues Universum an Weiterentwicklungen öffnet, das ist echt irre und sehr motivierend. So sind in diesem Jahr zum Beispiel die Cam Buttons entstanden. Ein gutes Profil ist kein Mysterium. Mit unserer Neuentwicklung können wir uns in Sachen Profile in ein neues Universum katapultieren, uns stehen vollkommen neue Möglichkeiten
offen.

FM: Aber wie muss ich mir das vorstellen: Sitzt du auf dem Klo und auf einmal fällt dir der Vorzug von Cam Buttons ein oder wie entwickelt sich das?
JH: Nein, wir tauschen uns untereinander aus, so blöd und unsinnig die Ideen von den einzelnen Entwicklern im Team anfangs auch erscheinen mögen. Wir sprechen alles an und lassen uns die kleinste Idee im Team durch den Kopf gehen. Wer weiß, vielleicht führt uns diese Unsinnigkeit ja zu einer großen Idee. Bei dem Cam Buttons war es ähnlich. Seit Jahren haben wir über eine solche Möglichkeit nachgedacht, da wir von Anfang an versuchten, ein größeres Profil bei Kites zu erreichen. Mit unserer Neuentwicklung waren wir einfach zur rechten Zeit auf dem Markt. Unser Chefdesigner Ken Winner ist einfach ein Genie in solchen Sachen. Ein weiterer Vorteil bei uns ist, dass wir mit zwei verschiedenen Fabriken zusammenarbeiten. Eine Fabrik ist in Sri Lanka, die andere in China. Um ehrlich zu sein, bestehen 90 Prozent unserer Arbeit aus „try and error“. Aber mit zwei Fabriken können wir es uns leisten, in einer Woche zehn Prototypen von der einen und in der nächsten zehn Prototypen von der anderen zu bekommen. So können wir permanent testen und neu entwickeln.

FM: Das hört sich teuer an!
JH: Das ist es auch. Die Entwicklung ist die teuerste Abteilung bei uns.

FM: Ist der Markt denn groß genug?
JH: Ja, ansonsten würden sich unsere Produkte nicht so gut verkaufen. Wir verkaufen aber nicht, indem wir einfach nur behaupten, unsere Produkte seien die besten. Alles, was wir anbieten, hat Hand und Fuß, denn es wurde entsprechend getestet. Viele Firmen versuchen, einen Hype um ihre Produkte zu machen, der nur selten hält, was er verspricht. Da gibt es in meinen Augen zurzeit so einige Beispiele. Bestimmte Produkte werden einfach zu früh am Markt gepusht, ohne dass eine tatsächliche Entwicklungsarbeit dahinter steckt, manchmal gibt es noch gar kein Feedback von Fahrern. Aber manche Firmen haben gar keine andere Möglichkeit, denn stell dir mal vor, du hast einen Misserfolg nach dem anderen und musst mit einem Produkthit auf den Markt kommen, weil du sonst erledigt bist. Das einzige Produkt, was du hast, ist etwas komplett anderes. Dann musst du einfach damit rauskommen und einen Riesenhype darum machen, ansonsten wirst du auch weiterhin aus dem Markt gedrängt.

{GALERIE} jamie3.jpgFM: Hast du eigentlich keine Angst davor, dass die Entwicklung irgendwann einmal zu Ende sein wird?
JH: Doch, davor habe ich große Angst, denn an diesem Tag werde ich arbeitslos, aber Kites haben ein sehr großes Potential. Man kann so viel daran verändern und entwickeln. Das ist wie bei der Aerodynamik von Flügeln. Nach hundert Jahren, die der Mensch nun schon fliegen kann, kommen die Designer und Ingenieure immer noch mit so vielen Neuigkeiten und Verbesserungen an. Aber ich habe wirklich Angst, dass die Entwicklung einschläft und man nur noch an kleinen Rädern dreht. Schließlich sind es auch die großen Veränderungen, die meine Arbeit so interessant machen.

FM: Du bist jetzt 31. Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?
JH: Meine Pläne sind schwer umzusetzen. Vor zwei Jahren wollte ich aus dem Wettkampfzirkus austreten und in das Marketing sowie die Entwicklung von Material einsteigen, aber ich bin irgendwie immer noch in diesem ganzen Präsentations- und Teamrider-Wust involviert. Es ist schwer, dort ganz rauszukommen, obwohl ich mich aufs Aufhören freue. Seit fünf Jahren bin ich nonstop on the road. Ich hatte kein Zuhause und bin ein wenig ausgebrannt. Auf der anderen Seite brauche ich das Feedback von den Endverbrauchern am Strand und den Kontakt zu den Ridern. Ich gehe zu den Contests und sammle die Eindrücke. Dann gehe ich zu den Marketing-Heinis und rede mit ihnen über die gesammelten Erfahrungen und Eindrücke. Für mich ist es wichtig, Kontakte zu pflegen, Eindrücke zu sammeln und sie weiterzugeben. Nur so bin ich in den letzten Jahren erfolgreich geworden. Derzeit kann ich also über keine andere Tätigkeit nachdenken, aber irgendwann wird sich etwas ändern.

FM: Früher war Windsurfen der „In-Sport“. Jeder hatte einen Windsurfer auf dem Dach. Lässt sich dieses Image auf das Kiten übertragen? Viele finden Kiten zu extrem und zu gefährlich, sodass es höchstwahrscheinlich niemals zum „Breitensport“ avancieren wird wie damals das Windsurfen, richtig?
JH: Es ist richtig, dass das Kitesurfen lange Zeit ein gefährliches Image hatte, aber die Anzahl von Kiteschülern wächst ständig, auch wenn wir nie die Zahlen der Windsurfbranche erreichen werden. Dafür gibt es heutzutage einfach zu viele Möglichkeiten im Sport. Solange aber der Spaß im Vordergrund steht, ist es nicht ausschlaggebend, ob 200.000 oder 300.000 Kitesurfer auf dem Wasser sind.

FM: Das stimmt schon, aber am Ende des Tages muss für deine Firma Geld dabei rumkommen.
JH: Richtig, aber wir machen uns auch nichts vor. Wir wissen, dass der Markt ein gewisses positives, aber auch ein negatives Wachstum haben kann. Damit arbeiten wir und machen letztendlich auch unsere Kalkulationen.

FM: Du reist die ganze Zeit und musst jedem dieselben Geschichten erzählen. Nervt dich das nicht?
JH: Ich erzähle nicht die ganze Zeit dieselben Geschichten. Ich lerne viel dazu und von daher erzähle ich auch immer etwas Neues. Außerdem höre ich viel lieber zu, als dass ich die ganze Zeit erzähle, und das ist nicht langweilig, sondern ermutigt mich immer wieder. Ich habe viele Freunde, die im großen Geschäft sind und eine Menge Kohle verdienen. Sie zahlen dafür den Preis, sich mit Leuten zu umgeben, die nur an Geld interessiert sind. Beim Geschäft mit dem Windsurfen oder Kiteboarden ist es noch ein bisschen anders. Wir sind alle einer Sache verschrieben, die mit Spaß verbunden ist. Wir wollen nicht nur Geld verdienen, denn Wassersport ist unser Leben. Ich bin umgeben von Menschen, mit denen mich eine Menge verbindet, deswegen ist das so entspannt.

FM: Wenn du so viel reist, denkst du nicht auch an deine Familie?
JH: Tja, das ist echt schwierig, vor allem für einen Familienmenschen wie mich. Aber immer wenn ich zu Hause bin, denke ich daran, was ich alles Tolles machen könnte, wenn ich unterwegs wäre.

FM: In den letzten zwei Jahren hatte das Wakeboarden einen großen Einfluss auf das Kiten. Findest du das gut?
JH: Absolut. Wir haben viel von anderen Sportarten gelernt, weil Sportler neue Ideen mitgebracht haben, die das Kiten erst so richtig spannend und vielfältig machen.

FM: Was wird der neue Einfluss beim Wave-Riding sein?
JH: Ich glaube, wir sind mittlerweile eigenständig genug, uns auch ohne Einfluss weiterentwickeln zu können. Ich denke, ein wichtiger Punkt wird in Zukunft unsere Erfahrung und unsere Entwicklung in großen Wellen werden. Wahrscheinlich wird es genau andersherum sein, sodass Kitesurfen andere Sportarten beeinflusst und inspiriert, wie zum Beispiel auch das Wakeboarden viel Einfluss durch das Kiteboarden genommen hat. Aber im Grunde ist es egal, was du auf dem Wasser machst, wenn der Spaß im Vordergrund steht und nicht das Profilieren vor irgendwelchen Leuten am Strand. Es gibt für mich nichts Größeres, als mit meinen Freunden einen Tag auf dem Wasser zu verbringen und einfach Spaß zu haben. Meine Philosophie ist: Es gibt so viele Tricks, Jumps und Styles – keep learning! Du musst dir nicht ständig neues Equipment kaufen, um Spaß zu haben. Übe einfach und dein Spaß wird sich maximieren!

Free-Magazin Ausgabe 22 | Text Alexander | Fotos Ludovic Franco

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