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Freerideshots

{GALERIE} portfolio_1.jpgAls die Bilder von Jan Böhme in unsere Redaktion flatterten, war uns sofort klar: „Damit müssen wir was machen!“ Da aber ungerechterweise bei Storys in Surfmagazinen der eigentliche Star, der Fotograf, grundsätzlich nicht zu sehen ist, wollten wir das in diesem Falle mal anders machen und Jan seine Story erzählen lassen.

Jan Böhme – Freerideshots

FM: Seit wann fotografierst du?

JB: So richtig damit beschäftigt habe ich mich seit 1997. Wenig später kaufte ich mir die erste vernünftige KB-Spiegelreflexkamera und dann kam eins zum anderen. Ich habe eine Ausbildung zum Werbefotografen in einem renommierten Werbestudio in Ulm gemacht. Sobald es Richtung Wasser ging, war die Kamera dabei. Sind die Wellen an manchen Tagen zu hoch für mich, mache ich Fotos. Wenn sie passen, gehe ich selbst surfen.

FM: Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass es in unserer Branche eher schwierig ist, mit der Wassersportfotografie Kohle zu verdienen.

JB: Das ist prinzipiell richtig, doch die Hoffnung stirbt zuletzt!

FM: Womit verdienst du dein Geld?

JB: Zusammen mit meinem Co. Lars arbeite ich in der Werbefotografie unter unserem eigenen Label freerideshots.com und habe zumeist noch zusätzliche Jobs. Wir nehmen derzeit die verschiedensten Aufträge an, denn die Miete will jeden Monat gezahlt sein. Aber ich hoffe natürlich, dass sich im Wassersportbereich der eine oder andere Auftrag ergeben wird. Das Photofolio in eurem Heft ist dahingehend sicherlich nützlich. Neulich hatten wir den Auftrag, im Rahmen der Beachvolleyball-Weltmeisterschaft in Berlin zu fotografieren. Das war schon mal unsere Richtung, wir kommen der Sache also langsam näher!

{GALERIE} portfolio_2.jpg FM: Was würdest du Hobbyfotografen raten, die auch gerne in den professionellen Bereich aufsteigen wollen? Was muss man machen, um als Fotograf erfolgreich zu sein?

JB: Erst einmal muss man von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt sein. Außerdem darf man die Fotografie nicht nur als Job verstehen, sondern muss sich mit ihr identifizieren. Weiterhin muss dir klar sein, dass du früher oder später selbstständig arbeiten wirst. In den seltensten Fällen findet man eine dauerhafte, feste Anstellung. Viele, die ich während meiner Ausbildung kennen gelernt habe, sind irgendwann umgeschwenkt und arbeiten jetzt zum Beispiel als Mediengestalter. Das bedeutet, eine Menge Zeit vor dem Bildschirm zu verbringen, und das ist nicht mein Ding.

FM: Woran erkennt man als Hobbyfotograf, dass man dazu geeignet ist, auch als professioneller Fotograf zu arbeiten und sich selbstständig zu machen?

JB: Ob man das selbst erkennt, weiß ich nicht, aber es gibt einen Punkt, an dem die Begeisterung einfach so groß wird, dass man sich vorstellen kann, mit Fotografieren Geld zu verdienen. Man bekommt zudem Feedback für die eigenen Sachen, aus dem oftmals der Entschluss resultiert, sein Hobby zu professionalisieren. Als Fotograf siehst du immer deine Ergebnisse, welche bei genialen Aufnahmen natürlich ungemein pushen. Das ist nicht bei jedem Job so und bei der Fotografie ein zusätzlicher Motivationsfaktor.

FM: Wie wichtig ist das Equipment?

JB: Meine erste professionelle Mittelformat-Ausrüstung, die ich vor vier Jahren gekauft habe, hat schon eine Menge Geld gekostet, das man erst wieder reinbekommen muss. Fakt ist: Du musst wirklich gutes Equipment haben, um auch qualitativ gute Aufnahmen abzuliefern. Als meine Kamera (Mamiya 645 AF) das erste Mal in „Pipeline“ eintauchte, hatte ich für sie ein eigenes Unterwassergehäuse konstruiert, denn im Mittelformatbereich gab es keine entsprechenden Gehäuse zu kaufen; eines anfertigen zu lassen war unbezahlbar. Neben dem Equipment spielt die Erfahrung eine große Rolle. Keiner der Fotografen in „Pipeline“ war jünger als 40 Jahre, also habe ich noch Zeit, entsprechende Erfahrungen zu sammeln.

{GALERIE} portfolio_3.jpg FM: Bei „Pipeline“ im Wasser zu sein ist nicht gerade ungefährlich, oder?

JB: Kann man so sagen. Als ich das erste Mal an diesem Spot war, bin ich auch nicht ins Wasser gegangen, sondern habe vom Strand aus Aufnahmen gemacht. Als ich das zweite Mal an den Spot reiste, hatte ich am ersten Tag noch zu viel Respekt, aber am zweiten Tag war die Begeisterung größer und ich bin ins Wasser gegangen. Es war schon sehr schwierig durch die Sets rauszukommen, aber noch schlimmer wieder an Land zu kommen. Man sieht nicht, was da draußen so anrollt. Ist schon viel Glück dabei, nicht auf das Riff zu geraten. Am gleichen Tag wollte ein Kameramann mit einer großen Fernsehkamera ins Wasser, die richtig dick mit Schaumstoff isoliert war. Gleich die erste Welle hat ihn direkt wieder zum Strand geschickt, ohne dass er nur eine Aufnahme machen konnte. Das passiert jedem irgendwann.

FM: Welche Spots sind am schönsten zu fotografieren?

JB: Von den Wellen ist Hawaii weit vorn. Es gibt wohl kaum einen anderen Spot, an dem man so oft gute Wellen, gutes Licht und gute Surfer hat. Aber ich habe bis jetzt nur eine begrenzte Auswahl an Spots gesehen.

FM: Bist du hier in Deutschland zufrieden oder hast du schon einmal mit dem Gedanken gespielt, die Zelte hier abzubauen?

JB: Mit Sicherheit habe ich das. Mich halten eigentlich nur meine Familie und Freunde in Deutschland, ohne sie würde ich schon längst irgendwo am Meer leben.

FM: Hast du diese Einstellung wegen des deutschen Meeres oder generell wegen des Landes?

JB: Ich würde sagen, wegen beidem. Zunächst hat Deutschland keine konstanten Wellenreit-Spots. Klar, Ost- und Nordsee sind sehr schön, aber selten zum Wellenreiten geeignet. Dann kommt hinzu, dass das Leben in Deutschland sehr organisiert und arg materiell ist.

{GALERIE} portfolio_4.jpg FM: Inwiefern?

JB: Es gibt andere Sachen, die wichtiger sind, als ständig in der Gesellschaft seine Statussymbole hochzuhalten, zum Beispiel einfach glücklich zu sein.

FM: Empfindest du das in Deutschland so extrem?

JB: Pauschalisierungen sind immer schwierig. Es gibt in Deutschland auf jeden Fall regionale Unterschiede. Wenn ich mich in Berlin bewege, merkt man schon, dass die Leute offener und toleranter als in Stuttgart oder München sind. Es fällt generell auf, dass sich die Deutschen Probleme machen, die meistens keine sind.

FM: Aber wenigstens in diesem Punkt sind wir doch Weltmeister!

JB: Das glaube ich auch! Außerdem empfinde ich viele Leute in Deutschland als intolerant. Sie übertragen ihren eigenen Lebenssinn auf andere Menschen, sehen aber nicht, dass denen andere Werte wichtig sind. Jeder sollte für sich glücklich sein und sich nicht ständig über andere aufregen. So entstehen zwangsläufig Konflikte, die nicht entstehen würden, wenn man den anderen mehr Freiräume lassen würde. Um noch einmal auf das Wellenreiten zurückzukommen: Eigentlich müsste man irgendwo hinziehen, wo man täglich im Wasser ist und sich mit einem kleineren Job und reichlich Zeit über Wasser hält. Wellenreiten ist keine Sportart, sondern eine Art zu leben und Natur zu begreifen. Damit haben zum Beispiel Contests in meinen Augen wenig zu tun. Ich verstehe zwar die Jungs, die mitfahren, denn sie verdienen mit ihrem Hobby Kohle und sind fast jeden Tag im Wasser. Aber man kann surfen nicht mit Zahlen beurteilen, sag ich jetzt einfach mal so. Ich finde es schon blöd, dass meistens vier Leute zusammen im Wasser sind, die sich gegenseitig die Welle wegnehmen, um zu zeigen, dass sie diesen oder jenen Trick fahren können. Beim Wellenreiten geht es doch um Freiheit und Spaß. Diese Aspekte sind in Contests schwierig zu bewerten. Außerdem verkauft die Surf-Industrie ein Image, welches mit dem Wellenreiten wenig zu tun hat. Es ist ja nicht damit getan, dass du dir einen Neoprenanzug und ein Brett kaufst und ans Meer fährst. Da läuft erstmal gar nichts! Es dauert lange, bis man anständig surfen kann. Deswegen wird Wellenreiten nur bedingt für Lifestylegeschichten taugen.

FM: Das sieht die Industrie anders. Schließlich versuchen sie Surfen als Mainstream zu verkaufen, indem sie den Spirit aufgreifen …

JB: Der Spirit, der durch die Werbung geht, wird dem Wellenreiten nicht gerecht. Die Werbung suggeriert: „Wenn du dir das Zeug kaufst und zwei Wochen irgendwo hinfährst, kannst du schon richtig Wellenreiten“.

FM: Findest du es schlimm, das Surfen so zu verkaufen?

JB: Schlimm ist das nicht. Aber wenn du es ausprobierst, erfährst du, wie schwierig es wirklich ist. Ich kann jedem trotzdem nur sagen, probier es und der Spaß ist garantiert!

FM: Den Traum vom „Leben fürs Surfen“ haben ja viele. Am Strand von der Hand in den Mund leben und den ganzen Tag surfen, aber ich frag mich immer, was machen die Leute in fünf Jahren?

JB: Das ist richtig. Aber genau dieses Denken hängt mit unserer Mentalität zusammen. Eigentlich dürfte man darüber gar nicht nachdenken, aber dieses Problem habe ich auch – deswegen bin ich noch in Deutschland, denn ich mache mir Gedanken um meine Familie, Freunde und so weiter. Freundschaften müssen gepflegt werden. Der Grundgedanke dieser Diskussion ist dann ja, dass man Sicherheiten braucht und deswegen nicht so einfach weggeht. Das wiederum passt mit dem Lifestyle des Surfens nicht zusammen.

FM: Das heißt also, ich bin kein Surfer, weil ich mir Gedanken mache, was in drei Jahren ist? Bin ich also weniger Surfer als jemand, der verlottert und stinkend am Strand rumhängt, in den Tag hineinlebt und „no future“ auf der Stirn tätowiert trägt?

JB: Nein. Mir ist es egal, ob jemand verlottert am Strand rumhängt oder ob sich jemand Gedanken um die Zukunft macht. Toleranz eben, solange sie niemandem anders schadet.

FM: Aber du hast gerade gesagt, dass sich beides nicht miteinander verträgt. Mit dem eigentlichen Spirit des Surfens im Körper dürfte ich nicht darüber nachdenken, was in drei Jahren ist.

JB: Das ist auf jeden Fall schwierig und irgendwie immer ein Kompromiss. Du hast auch gut reden, denn du sitzt in Kiel! Aber ich bin in Ulm so weit vom Wasser entfernt, wie man es nur sein kann. Genial ist es zum Beispiel in San Francisco, da gehen sie morgens wellenreiten, danach ins Büro und nach Feierabend auf dem Rückweg nach Hause nochmal aufs Wasser.

FM: Ein guter Freund lebt auf Sylt genau so!

JB: Ich ziehe den Hut vor Leuten, die sagen, „mal gucken was geht“. Dazu gehört viel Mut, den ich wohl nicht vollends besitze. Ich hab auch schon zweimal meine Wohnung aufgegeben und bin losgezogen. Wenn du dann zurückkommst, fängst du wieder von null an. Je älter du wirst, desto mehr nervt dich das. Man hat ja auch finanzielle Verbindlichkeiten. Wenn du nichts hast, dann ist alles relativ – so lange wie die Asche reicht, bist du unterwegs. Aber sobald du dir Dinge anschaffst, zum Beispiel Equipment, musst du wieder zurück und brauchst einen Job, um sie irgendwie abzubezahlen.

FM: Und da sind wir wieder bei den gesellschaftlichen Zwängen.

JB: Das ist richtig. Es ist eben immer ein Spagat – so geht es mir zumindest. Wenn ich am Meer unterwegs bin, blende ich vieles um mich herum aus. In Umfeld des Meeres kann ich mich verlieren, denn es symbolisiert für mich Freiheit.

FM: Hast du deine Zukunft geplant oder lebst du eher von heute auf morgen?

JB: Momentan arbeite ich mit einem Partner daran, unser Fotolabel aufzubauen. Des Weiteren besteht die Möglichkeit, in der näheren Zukunft ein gut gehendes Werbestudio zu übernehmen. Außerdem weiß man ja nie, was familientechnisch in drei Jahren passiert bzw. wo der Weg mit meiner Freundin hinführt. Ich will irgendwann gerne Kinder haben. Abschließend danke ich meiner Familie, dem Aloha Bund und meinen wirklichen Freunden für die geniale Zeit bisher! Was in der Zukunft passiert, wird man sehen und ich lass mich überraschen. Auf jeden Fall bin ich guter Dinge!

Free-Magazin Ausgabe 21 | Fotos Jan Böhme

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