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FREE (dom) for Africa!

{GALERIE} freedomafrica1.jpgHand aufs Herz. Es gibt kaum einen Leser des Free-Magazins, der noch nicht in Südafrika war. Zum Kiten, Wellenreiten oder Windsurfen habt ihr dort unten schon seit Jahren die Küsten unsicher gemacht. Ihr kennt jeden Stein am Sunset und in Melkbos, wisst genau, wie der Swell in der Big Bay aussehen muss, damit ihr einen schönen Tag auf dem Wasser habt. Ihr kennt die Ecken, wo man besonders vorsichtig sein muss und sein Auto besser im Blick hat, und seit kurzem kennt ihr sogar die absoluten Secret Spots an der wunderschönen Küste Südafrikas. Ihr wisst abends genau, wo man am besten Essen geht und welcher Parkwächter besonders nett ist. Um es kurz zu machen: Eine weitere Südafrika-Travelstory ringt euch nur ein müdes Lächeln ab!
Das haben wir uns nämlich auch gedacht. Trotzdem waren wir vom Free-Magazin dank des freundlichen Sponsorings der LTU im Februar in Südafrika und ja genau – auch wir haben ausführlich die Wellen gerockt. Und dennoch kommen wir euch dieses Mal nicht mit einer 0815-Homestory – dieses Mal wird das Free-Magazin politisch. Ja, genau. Richtig gehört. Wir trauen unseren Lesern weitaus mehr zu als nur Watersports. Damit {GALERIE} freedomafrica2.jpgihr bei eurem nächsten SA-Urlaub nicht nur über die Breaks einen Plan habt, wollen wir euch heute die Backgrounds Südafrikas und dessen Apartheid-Geschichte näher bringen. Runa Schröder hat uns dafür ihre Ausarbeitung in Ausschnitten zur Verfügung gestellt. Keine Angst, das wird keine „Gähn- wann-ist- das-Referat- denn-endlich- zu-Ende“-Vorstellung: Euch erwartet ein hochspannender Polit-Krimi. Festhalten!
Wer schon einmal in Kapstadt gewesen ist, erinnert sich sicher gut an die ersten Eindrücke auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt. Die primitiven Bretterverschläge zu beiden Seiten der Autobahn sind ein schockierender Anblick für den wohlstandsverwöhnten Deutschen. Kurz darauf führt einem die Innenstadt ein hohes europäisches Niveau vor Augen. Heute ist Südafrika unter seinem Präsidenten Thabo Mbeki das reichste Land auf dem ärmsten Kontinent. Dennoch – kaum ein Land ist so kontrastreich wie dieses: Während nur die Minderheit von dem Wohlstand Südafrikas profitiert, kämpft der Großteil um Nahrung, Wohnungen und Bildung. Obwohl das Land 60 Prozent der Energie des gesamten Kontinents erzeugt, kochen und heizen noch immer mehr als die Hälfte aller südafrikanischen Haushalte mit Holz, Gas und Petroleum. Die Gründung der Demokratie 1994 und die Verabschiedung der neuen Verfassung, in welcher jede Diskriminierung von Menschen, egal welcher rassischen und sozialen Herkunft oder religiösen Gruppierung sie angehören, verboten wurde, brachte den Schwarzen neue Rechte, politische Freiheit sowie Chancen. Trotzdem lebt die Mehrheit immer noch in Armut. Eine der gravierenden Folgen ist die organisierte Kriminalität, die vor allem in den Townships auftritt. Ursachen finden sich zum Teil in der neuen Demokratie, durch die die Zahl der Arbeitslosen drastisch anstiegen ist, vor allem jedoch in der politischen Vergangenheit. Die rassendiskriminierende und menschenverachtende Apartheid-Politik des weißen Regimes verursachte eine starke Benachteiligung sowie Misstrauen der schwarzen gegenüber der weißen Bevölkerung.
{GALERIE} freedomafrica3.jpg Auf Afrikaans heißt Apartheid „Aussonderung“. Dieser Begriff beschreibt die Regierungspolitik vor allem nach 1948, als die Hautfarbe entschied, wo ein Mensch leben, arbeiten und sogar begraben werden durfte. Sex zwischen Menschen unterschiedlicher Rassen wurde mit Gefängnis bestraft. Die Führer und Begründer dieser Politik wurden zum Teil unter den Nazis in Deutschland ausgebildet. Die Apartheid war Ausdruck eines irrationalen Gefühls einer weißen, christlichen Überlegenheit gegenüber den heidnischen Schwarzen. Dieses Gefühl basierte auf einer tatsächlichen technisch zivilisatorischen Überlegenheit und dem Denken der burischen Calvinisten.
Zur Zeit der Gründung der Union 1910 kam das Wort Apartheid in Gebrauch, welches die südafrikanische Labour Party für ihre Wahlerklärung gebrauchte. Die ersten Rassegesetze, die so genannten Passgesetze, führten diese Politik 1911 weiter, indem Schwarze als billige Arbeitskräfte in Bergwerken eingesetzt und durch besondere Personalausweise in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurden. Außerdem war ihnen jeglicher Landbesitz untersagt. Mit dem Machtwechsel durch die National Party 1948 erfuhren die Gesetze eine Verschärfung. In den folgenden 30 Jahren verabschiedete die Regierung mehrere Bestimmungen, die das Leben von Schwarzen, Farbigen und Indern von vorne bis hinten regelte. Da gab es das Gesetz über die Registrierung der Bevölkerung von 1950, das festlegte, jeder Südafrikaner müsse seine „Rassenzugehörigkeit” registrieren lassen. Die Menschen wurden nach Begutachtung von Haut, Haar und Fingernägeln in die vier Rassengruppen „White”, „Black”, „Coloured” und „Indian” eingeteilt. Für die eher komplizierte Unterscheidung von Schwarzen und Farbigen setzte sich der „Penciltest” durch, bei dem der Person ein Bleistift in die Haare gesteckt wurde. Fiel der Stift heraus, galt die Person als farbig, blieb er stecken, als schwarz. Neue Gesetze legten fest, dass Wohngebiete in weiß und nicht-weiß getrennt, Mischehen verboten wurden, öffentliche Einrichtungen getrennt und sogar das Erziehungssystem umorganisiert wurde. Das hatte Zwangsumsiedlungen zur Folge, Restaurants, öffentliche Toiletten waren unterteilt, auch Strände, Zugabteile und vieles mehr. Die Gesetze waren vor allem zu Ungunsten der Schwarzen ausgelegt; das Gesetz über die Bantu-Erziehung ist nur ein Beispiel. Der damalige Minister für „Eingeborenenfragen” und spätere Premierminister Verwoerd sagte zur Rechtfertigung dieses Gesetzes: „Was nützt es einem Bantu-Kind, wenn es Mathematik lernt und damit nichts anfangen kann.” Bis heute leidet Südafrika unter der Konsequenz, denn ganze Generationen von Jugendlichen haben nur eine minderwertige schulische Ausbildung durchlaufen.
{GALERIE} freedomafrica4.jpg Am 16. Juni 1976 eskalierte die Apartheid-Politik in Soweto, einem Township in der Nähe von Johannesburg. Dort protestierten schwarze Schüler gegen die Einführung von Afrikaans statt Englisch. Die Polizei schoss auf die Kinder. Den 250 Toten wird noch heute jedes Jahr am „Children’s Day” gedacht, der 16. Juni ist nationaler Feiertag. Die Bilder und Vorfälle von Soweto erregten weltweit Empörung. In Deutschland appellierten viele, keine südafrikanischen Waren zu kaufen, um die Regierung nicht zu unterstützen. Derweilen eskalierte der Widerstand gegen die Apartheid in Südafrika zum offenen Bürgerkrieg. Die Regierung des Apartheid-Regimes versuchte, Menschenrechtskämpfer der schwarzen Widerstandspartei African National Congress (ANC) immer wieder an ihrer Arbeit zu hindern, indem sie diese verbannten. So wurden insbesondere politische Gefangene auf der Gefängnisinsel und heutigen Touristenattraktion „Robben Island” unter katastrophalen Bedingungen inhaftiert und isoliert. Der berühmteste Häftling und Führer des ANC Nelson Mandela verbrachte dort mehr als 27 Jahre bis zu seiner Freilassung, in denen er trotz Isolierung Hoffnungsspender und Vorbild für viele südafrikanische Freiheitskämpfer war.
International wurde Südafrika durch UN-Sanktionen geächtet und isoliert, was im Laufe der Jahrzehnte die Kompromissbereitschaft der weißen Minderheit für allgemeine, demokratische Wahlen begünstigte. Daneben ließ das Erstarken der schwarzen Opposition sowie die zahlreichen Proteste der Schwarzen die Apartheid ab 1974 bröckeln. Gegen Ende des Apartheid-Regimes verhängten viele Länder eine Handelssperre. Aber nicht nur das, auch durften südafrikanische Sportler nicht an internationalen Wettbewerben dieser Länder teilnehmen. Dem Widerstand begegnete die Regierung mit kostenintensiven Notmaßnahmen. 1989 trat Frederik Willem de Klerk die Nachfolge von Pieter Willem Botha als südafrikanischer Staatspräsident an. De Klerk führte Gespräche mit dem ANC-Führer Nelson Mandela, in denen sie eine systematische Demontage vieler Bausteine der Apartheid einleiteten. So kam es 1994 schließlich zu den ersten demokratischen Wahlen, bei denen der ANC mit 62 Prozent der Stimmen siegte. Nelson Mandela wurde der erste schwarze Präsident, der heutige Staatspräsident Thabo Mbeki sein Stellvertreter.
{GALERIE} freedomafrica5.jpg Das Ende der Apartheid bedeutete auch neue Probleme. Die vorausgegangenen Unruhen hatten Südafrika in eine ökonomische Krise gestürzt, der wiederum eine hohe Verschuldung bei der Weltbank folgte. Außerdem war die Beseitigung der Ungleichheiten zwischen den Rassen mit hohen Kosten verbunden, da die Schulen und die Gesundheitsversorgung für die Schwarzen eine Verbesserung, damals und auch noch heute, benötigten. Unterschiedlichste Interessen führten zu verschiedenen Landstreitigkeiten: Schwarze, die während der Apartheid ihr Land aufgeben mussten und gezwungen worden waren, in die Homelands zu ziehen, forderten ihr Land zurück; die dort nun ansässigen Weißen oder Industriebetriebe machten ihre neueren Rechte geltend.
Mit dem Machtwechsel und der Gründung der Demokratie 1994 hat Südafrika gewaltige Fortschritte gemacht: Seit 1995 wächst das Bruttosozialprodukt um durchschnittlich 2,8 Prozent pro Jahr. Die Produktivität wächst doppelt so schnell wie in den USA, die Exporte steigen, die Steuern konnten mehrfach gesenkt werden. Die Ausgaben für Gesundheit, Bildung und Soziales wurden erhöht, der Rand gehört unterdessen zu den härtesten Währungen der Welt und der Staatshaushalt ist beinahe ausgeglichen. Der längste Aufschwung seit 60 Jahren unter dem Ex-Präsidenten Nelson Mandela und ab 1999 unter seinem Nachfolger Thabo Mbeki macht Südafrika zum erfolgreichsten Schwellenland, das alles hat, was zu einer modernen Demokratie gehört: Rechtsstaatlichkeit, unabhängige Gerichte, Pluralismus, freie Presse und eine lebhafte Zivilgesellschaft. Dennoch beträgt die Arbeitslosenrate 41,8 Prozent, die Armut wächst und die Kriminalität, welche vor allem in den Townships entsteht, explodiert. Der radikale Umbruch durch die demokratische Wende hat die Kriminalität aufblühen lassen. Der Staat steht noch auf schwachen Beinen, seine Institutionen sind durch den schnellen Wandel überfordert. Daneben machen sich die Auswirkungen der Apartheid immer noch stark bemerkbar.
Die Mehrheit der 45 Millionen Südafrikaner wartet noch immer auf ein besseres Leben, haust in Townships, in die sie das weiße Regime deportierte, ist schlecht ausgebildet, geplagt von Armut, Gewalt und Krankheit. Jeder Fünfte ist in Südafrika mit HIV infiziert. Vor allem Bildungsdefizite führen zu einer unkontrollierten Ausbreitung des Virus. Mangelnde Aufklärung nährt zum Beispiel den Einfluss von Medizinmännern, nach denen Sex mit einer Jungfrau den Aids-Infizierten heilt. In Folge dessen sind zahlreiche kleine Mädchen vergewaltigt worden – auch heute noch! Mittlerweile beeinträchtigt die Krankheit das Wirtschaftswachstum Südafrikas: Qualifizierte Arbeitskräfte sterben weg und das Versäumen von Arbeitstagen durch Begräbnisse wird mittlerweile oft vertraglich eingeschränkt – es dürfen nur noch Bestattungen enger Verwandter besucht werden. Vor allem in den Townships ist die Verbreitung von HIV sehr hoch. Von klein auf werden die schwarzen und farbigen Bewohner mit dem Tod durch die Krankheit oder Gewalt konfrontiert.
In den gewalttätigsten Townships hat die Polizei keine Kontrolle mehr. Dies ist kaum verwunderlich, schätzen die Kriminalstatistiker die Gesamtzahl der Gangster allein vor Kapstadt auf 114.000 bis 117.000. In den Streitkräften des gesamten Landes dagegen dienen lediglich 70.000 Mann plus 110.000 Polizeibeamte. Die Gewalt ist vor allem nach der Wende aufgeblüht, da nun keine Freiheitseinschränkungen mehr bestehen. Drogenhandel, Überfälle und Einbrüche bestimmen die „Arbeit” der Banden in den Städten. Viele Kinder in den Townships streben eine Gangzugehörigkeit an, da sie oft als einzige Perspektive wahrgenommen wird und man in der Regel alleine keine Chance im Ghetto hat. Die Gesetze werden von den revierzugehörigen Gangs aufgestellt, innerhalb derer man einen Aufstieg machen kann, zum Beispiel durch den „First kill” oder eine Vergewaltigung, wobei eine weiße Studentin die meisten Punkte bringt. Andererseits sind die Gangs die stärksten ökonomischen Kräfte in den Townships. Sie erfüllen sogar Wohlfahrtsfunktionen, wo der Staat versagt. Sie spenden Begräbnisse, Taxifahrten zum Hospital oder sponsern Fußballturniere. Außerdem sind sie der größte Arbeitgeber in den Townships. Die Gangmitglieder haben kein Vertrauen in die Regierung. Schulische Fortbildung bietet ihnen weniger Berufsperspektiven als die Ausbildung zum Kriminellen. Während die weiße Bevölkerung Gewalt fürchtet, sind die Kinder in den Townships von Geburt an mit den Gangs konfrontiert und vertraut. Es ist keine große Hürde, einen Mord zu begehen, der oftmals schon zum Alltag gehört. Zwischen der schwarzen und weißen Bevölkerung sinkt in Folge dessen das Vertrauen weiter. Das organisierte Verbrechen ist das Modell einer Gesellschaft, die sich selbst zerstört – wie damals von der Apartheid geplant. Das Apartheid-Regime legte die Grundlage für den Glauben an eine rassistische, weiße Bevölkerung. Umgekehrt werden die schwarzen und farbigen Menschen, vor allem jene in den Townships, als gewalttätige Kriminelle verurteilt, die man im Dunkeln meiden sollte.
Um die Kriminalität zu senken, müssen vor allem Perspektiven durch Bildung und Arbeit geschaffen werden. Die Regierung bewegt sich in die richtige Richtung: Stipendien werden gestellt und jedes Kind hat das Recht auf eine kostenlose Grundbildung. Betriebe müssen prozentual entsprechend der Bevölkerungszahl Schwarze und Coloureds einstellen. Jeder Schwarze bekommt in Südafrika bevorzugt einen Job – auch jene, die aus dem Ausland kommen. Das macht die Bedingungen für alle auf dem Arbeitsmarkt schwieriger. Die weiße Bevölkerung hat unterdessen Schwierigkeiten, das „Black Empowerment“ zu akzeptieren. Sie fürchten um ihre Lebensgrundlage, obwohl sie noch immer von den Vorteilen des Apartheid-Regimes profitieren. Wer eine Weile in Kapstadt gelebt hat, weiß, dass sich jeder benachteiligt fühlen kann; unvoreingenommenes Zusammenleben wird aufgrund der Kriminalität und der Arbeitssituation zum Drahtseilakt.
Südafrika muss nach der politischen Apartheid die ökonomischen Probleme überwinden, nur dann haben das Land und seine Menschen eine Zukunft. Ein wirtschaftlicher Aufschwung ist wichtig, aber noch wichtiger die Schaffung einer Gerechtigkeit, um die Versöhnung der Bevölkerung zu erreichen und Südafrika zu einem Staat mit einer einheitlichen Identität zu machen.

Free-Magazin Ausgabe 25 | Fotos Lars Wehrmann

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