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Down the Line

{GALERIE} line_1.jpg„Bis der liebe Gott am Abend das Licht ausmacht.“
Die Welle, von althochdeutsch „wellan“ („wälzen“), ist im physikalischen Sinne eine Art der Energieausbreitung, eine zeitlich und örtlich periodische Veränderung einer physikalischen Größe g(t, x). Wenn benachbarte Raumpunkte dieselbe Fähigkeit besitzen und eine Kopplung zwischen den beiden Punkten besteht, dann kann die Energie von einem zum nächsten Raumpunkt abwandern. Dieses Ausbreitungsphänomen nennt man Welle.
Seit jeher üben das Meer und die auf die Küsten schlagenden Wellen eine tiefe Faszination auf die Menschen aus. Oft hört man sie sagen „Ich brauche das Meer in meiner Nähe“. Weshalb können sie oft nicht sagen, es ist ein starkes, inneres Gefühl. Genau dieses Glücksgefühl muss es sein, das uns antreibt, wenn wir uns ins voll bepackte Auto setzen und trotz horrender Spritpreise zu den Küsten Hollands oder Dänemarks aufbrechen oder mit dem Flugzeug Richtung Kanaren, Marokko oder Südafrika Landflucht begehen. Es gibt viele von uns, Wellensuchende, Glücksuchende, Waverider. Wir treffen uns ohne Verabredung an den Stränden dieser Welt. Die Wetterkarten bestimmen den Zeitplan und manchmal das halbe Leben.
Die tobende See, für die Fischer Goldgrube und Grab, für Badegäste und Touristen unnahbares Naturschauspiel, ist für uns Surfer ein riesiger Abenteuerspielplatz. Direkt nach der ersten Wende vor einem großen Set liefert die Natur selbst die Antwort, weshalb Waveriding immer die Königsdisziplin im Windsurfen bleiben wird. Es ist das dritte Element! Nicht nur Wind und Wasser, sondern auch noch pure Wellenenergie. Deine Welle baut sich auf und donnert dumpf, die Konzentration ist am Anschlag, jeder Muskel ist angespannt. Jetzt bloß gut positionieren, keinen dummen Fehler machen. Die Welle lesen und im Kopf eine Linie zur Lippe vorausberechnen. Und dann schiebt dich eine Riesenhand mit ungebändigter Energie ins Wellental. Du fliegst down-the-line! Der Fahrtwind rauscht in den Ohren, das Rail greift, die Gischt fliegt, dein Instinkt meldet dir nun, wo die Lippe ist. Du triffst sie voll und sie katapultiert dich in die Luft, durch die Luft. Das Timing passt, du landest vor dem Weißwasser, die Haare fliegen, das Segel reißt kurz und wird dann wieder freigegeben. Was für ein Wahnsinn! Adrenalinschock. Du hast diese Wasserwand gesurft, besser: Du bist mit ihr gesurft! Das ist der entscheidende Punkt.
{GALERIE} line_2.jpg Waveriding ist nicht nur den Surfprofis vorenthalten! Jeder Surfer jeglichen Niveaus kann sich Schritt für Schritt an die Wellen heranwagen, solange er versucht, mit den Wellen zu surfen und nicht gegen sie!
Die goldenste aller Wellenregel ist wohl: Auf die „Ampel“ achten! Wellen reisen meist in Sets. Nach drei bis fünf großen Wellen folgt oft eine ruhige Phase. Der Trick ist, eben nicht in See zu stechen, wenn die Bahn augenscheinlich frei ist, um dann direkt der ersten Welle des nächsten Sets in die Arme zu surfen. Stattdessen musst du am Ende des Sets losfahren, wenn es für den Wellenneuling am schlimmsten aussieht, um in der Ruhephase bereits in der Brandungszone zu sein. Wenn du startest, tue es entschlossen und schnell. Nichts ist schlimmer als ein zögerlicher Start im Shorebreak. Entweder ist die Bahn frei und es geht los oder du wartest in sicherem Abstand am Ufer. Die Wellen entscheiden, wann gesurft wird, nicht die Surfer. Manchmal musst du eben drei Minuten am Strand warten, bis die Ampel wieder grün wird. Und manchmal musst du auch umdrehen und klein beigeben, wenn die Ampel unterwegs unerwartet von Grün auf Rot umschaltet! Auch die anderen Surfer sind hierbei ein guter Anhaltspunkt. Wenn die ganze Mannschaft auf dem Weg durch die Brandungszone eine Chickenjibe hinlegt und umdreht, ist da meist was dran und es macht wenig Sinn, alleine weiter ins Verderben zu dümpeln.
{GALERIE} line_4.jpg Surfe mit den Wellen, niemals gegen sie! Suche dir für deinen Wellenritt nicht unbedingt die erste Welle des Sets aus. Wenn dann etwas schief läuft, hast du die restlichen drei, vier Wellen noch vor dir und wirst gründlich durchgemangelt. Auch nach einem gelungenen Wellenritt gilt es, wachsam zu sein. Versuche einen Blick hinter deine Welle zu werfen, bevor du heraushalst. So ersparst du dir unerwünschte Begegnungen mit Wellen, die dir direkt nach der Halse den Weg versperren. Surfen in der Welle ist nicht gefährlich, erfordert aber den nötigen Respekt beim Spiel mit dem dritten Element. Daher ist Rücksicht aufeinander noch wichtiger als sonst. Der Surfer, der die Wellen beim Rausfahren queren muss, hat immer Vorfahrt, auch wenn der eigene Wellenritt womöglich schwerst darunter leidet. Auf der Welle gilt: Wer zuerst auf der Welle war, entscheidet, ob er sie teilen möchte oder nicht. Wer bei definiert brechenden Wellen näher an der Lippe surft, kann die Welle für sich beanspruchen. Generell sollte man sein Wellenrecht aber nie erzwingen. Es gibt genug Stress im Leben, da sollte man sich auf dem Wasser lieber entspannen!
Also warten und hoffen auf das nächste Mal. Weissenhaus? Klitmöller? Wijk? Vargas? Wir werden wieder alle zwei Tage vorher wissen, wenn es soweit ist und uns ohne Verabredung an den Stränden treffen. Mit dieser Vorfreude im Bauch, mit diesem Leuchten in den Augen! Vollgas down-the-line! Bis nichts mehr geht. Bis der liebe Gott am Abend das Licht ausmacht.

Free-Magazin Ausgabe 20 | Text Henning Terstiege | Fotos Sjaak van der Linden

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