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Costa Rica

{GALERIE} costarica2.jpgKapstadt/Long Beach im südafrikanischen Spätherbst – Jason und ich sitzen nach einer guten, aber kalten Session, noch mit den Nachwirkungen einer Ice Headache, am Strand von Kommetje. Selbst am Wellenparadies Südafrika gibt es etwas auszusetzen, das Wasser ist mal wieder arschkalt und die Birne ist kurz vorm Platzen. Da sitzen wir verwöhnten Winterflüchtlinge auf der hölzernen Balustrade und träumen uns trotz perfekter Wellen vor der Nase in wärmere Gefilde.

Tropisch grüne Regenwaldlandschaft, warmes Wasser, surfen in Shorts, komische Tiere und noch perfektere Wellen. Vielleicht machen diese Rastlosigkeit, dieses Verlangen nach einer Steigerung und den Reiz des Unbekannten einen Surftraveller aus. Vielleicht hat uns das eiskalte Salzwasser auch nur die letzten Gehirnzellen weggefressen. Man weiß es nicht! Fest steht, in Deutschland ist es noch zu kalt und wir brauchen für unser Boardlabel Faith21 noch einige Katalogfotos ohne 4-Millimeter-Neo, also wird die Karte mal wieder ausgerollt und der imaginäre Dartpfeil geworfen.

Costa Rica fällt schnell in die engere Auswahl. Die Schweiz Mittelamerikas besticht landschaftlich durch diverse Vegetations- und Klimazonen. Warm soll es sein, sehr gut! Eingeklemmt durch das Karibische Meer im Osten und den Pazifik im Westen kann Costa Rica also folglich mit zwei Küsten aufwarten. Jede davon hat einige Weltklasse-Breaks im Angebot.

Pavones an der Grenze zu Panama hat schon längst Weltruhm erlangt als eine der längsten Lefts des Planeten und bei dem Namen Salsa Brava horchen die Big-Wave-Surfer auf. Und jetzt wird es besonders toll: Der Neo bleibt in Kapstadt! Die Sache ist gebucht! Eine Woche später sitzen wir im Flieger nach San José.

Als wir das Flugzeug verlassen, trifft es uns wie der Schlag – das Klima kann wirklich als tropisch beschrieben werden, die Luftfeuchtigkeit ist einfach der Hit! Wir bahnen uns den Weg durch aufdringliche Mietwagenvermieter, die uns einer nach dem anderen den Jahrhundertdeal anbieten. Nach hartem Verhandeln in einer Mischung aus Englisch, Spanisch und Gebärdensprache sitzen wir endlich in unserem leicht überladenen, knallblauen Mini-Jeep und juckeln über kleine Serpentinenstraßen dem Meer entgegen. Schnell stellen wir fest, dass der Allradantrieb die richtige Wahl war, denn die Straßen sind meist eine Aneinanderreihung von Schlaglöchern, die das Zeug haben, einen Kleinwagen zu verschlucken. Nach schwitzigen vier Stunden erreichen wir Jaco am Pazifik, das für die ersten zwei Nächte als unsere Basis dienen soll und wo wir uns mit Ben und Matt, unseren Travel Buddies aus Jersey für die kommenden drei Wochen, treffen. Jaco ist der Pauschaltouri-Himmel mit überfüllten Bars, Backpackers, Surfshops, Restaurants und einer bunten Mischung aus amerikanischen Mädels auf Spring Break, Surfern, kleinen Drogendealern und käuflichen Damen. Für zwei Tage kann man sich das bunte „Treiben“ ansehen, allerdings sind die Surfbedingungen am Dorfstrand eher mäßig und die Wellen brechen schnell close out.

{GALERIE} costarica1.jpgZum Glück merken wir schnell, dass die Qualität der Wellen mit kurzer Fahrt gen Süden drastisch steigt. Im Playa Hermosa herrscht ein gänzlich anderes Bild. Der dunkle Sandstrand zieht vor allem Surfer und Leute an, die dem Lärm von Jaco entfliehen wollen. Einige kleine Surfhostel liegen zwischen Strand und Straße, Pelikane lassen sich vom Aufwind der perfekt brechenden Beachbreak-Wellen tragen. Die Szenerie ist ruhig und friedlich, aber das Level auf dem Wasser ist erstaunlich! Die local Kiddies geben Vollgas, sind aber trotzdem sehr entspannt und aufgeschlossen. Wir machen Bekanntschaft mit Alex, einem Puerto Viejo Local, der per Anhalter von der Karibikseite zum Playa Hermosa gekommen ist. Er stellt uns seine Kumpels vor und rät uns schnellstmöglich, von Jaco direkt an den Playa Hermosa zu ziehen, was uns angesichts der sauberen Beachbreaks-Barrels nicht schwer fällt. Wir stellen schnell fest, dass ein Ventilator das Nonplusultra in Costa Rica ist, denn ohne bekommt man nachts nur schwer ein Auge zu.

Die kommenden Tage testen wir, wie viele Kiddies in unseren Wagen passen, und cruisen mit den Jungs etwas abgelegenere Spots ab. Ein großer Bonus am Playa Hermosa sind die Mädels, die sich dort tagtäglich in die Fluten stürzen, egal wie ruppig es ist. Sie scheinen mit ihren knappen Schlüppies allesamt dem neuen Roxy-Katalog entsprungen zu sein, doch im Gegensatz zu den meisten Katalogschönheiten chargen die Mädels, als ob es ihr letzter Tag wäre und sind zudem noch kontaktfreudig! Wir finden das prima und sehr unterstützenswert.

Die Bedingungen wechseln mit der Tide. Meistens stehen wir frühmorgens gegen 6:00 Uhr auf, um die ersten Wellen zu schnappen. Gegen Mittag heißt es Siesta machen, da es eh zu heiß ist. Der Nachmittag ist geprägt durch Surfsessions und Hängematte. Abends wird es dann meist genial, die Sonne geht direkt im Meer unter und stürzt die Szenerie in ein unwirkliches Licht. Die Pelikane tun das Ihre, um den Moment perfekt kitschig zu gestalten. Zum Glück nimmt der Swell die kommenden Tage beachtliche Ausmaße an, sodass Hermosa ziemlich close out bricht, sonst wären wir höchstwahrscheinlich für die komplette Zeit am einen Spot hängen geblieben.

Wir entscheiden uns, den Weg in Richtung Süden fortzusetzen, Pavones ist unser Ziel. Der perfekte Lefthander liegt mitten im Regenwald an der Grenze zu Panama und braucht einen kräftigen Südswell. Natürlich verschätzen wir uns heftig bei der Anfahrtszeit, die letzten Stunden sind Schotterpiste und Wegweiser sucht man natürlich vergebens. Mitten in der Nacht kommen wir im Stockfinsteren in Pavones an und sind überglücklich, unfallfrei und unbeschadet angekommen zu sein. Pavones ist eine Ansammlung einiger Häuser, es gibt eine Bar und ein Restaurant, das wars. Wer hier keine Ruhe findet, hat ernsthafte Probleme! Als uns das erste Sonnenlicht aus unserem Wagen scheucht, sehen wir eine traumhafte Welle, die sich durch die Bucht schält. Einige Locals sitzen schon draußen und wir gesellen uns schnell dazu. Die Sets sind knapp über kopfhoch, doch deutlich kleiner, als wir sie erwartet hatten, aber dennoch purer Spaß! Die Welle hat mehrere Sections. Backside habe ich Probleme, die ein oder andere schnelle Passage zu meistern, doch für Ben als Goofy Footer ist es ein Paradies und er floatet sich von einer Section zur nächsten, rennt am Strand wieder zurück, um mit einem fetten Grinsen zurück in den Line-up zu paddeln. Nach ausgedehnten Sessions streunen wir durch den Regenwald und fahren die Küste entlang, um einige weitere Wellen zu surfen, die aber nicht die Qualität von Pavones haben. Nach drei Tagen nimmt der Swell ab und wir entscheiden uns für den Rückweg. Auf halbem Wege zurück nach Hermosa checken wir Domical und trauen unseren Augen kaum. Perfekte, kraftvolle Wellen rollen rechts und links von einer Flussmündung an den Strand und es kommt noch besser, nur eine Hand voll Surfer teilen sie untereinander auf! Die Strömungen sind deftig und schnell treiben Matt, Ben und ich weit auseinander. Das Rauspaddeln gestaltet sich nach jeder Welle als relativ hart, aber die Wellen sind jede Anstrengung wert. Abends schlafen wir in dem kleinen Hippie-Nest, doch am kommenden Morgen ist der Zauber verschwunden, die Wellen klein und durcheinander. Right place, right time!

{GALERIE} costarica3.jpgWir entscheiden uns, Alex in Hermosa aufzugabeln und die etwas unbekannteren Spots nördlich von Jaco auszuchecken. Tatsächlich gibt es noch einen netten Spot an einer Flussmündung. Als wir jedoch auf dem Rückweg einen Haufen Leute an einer Brücke sehen, halten wir an und sehen den Grund der kleinen Menschenansammlung: 13 Salzwasserkrokodile, das größte gute vier Meter lang, machen sich hier einen faulen Lenz, keine drei Kilometer flussaufwärts von dem Spot, an dem wir surfen. Die Fischer antworten auf unsere fragenden Blicke nur mit „Hay mucho crocodrillos!“, ja, das können wir auch sehen. Aber anscheinend stellen die kleinen Beißer keine wirkliche Gefahr für Surfer da. Des Öfteren taucht zwar ein Baumstamm mit Augen im Line-up auf, aber es gab noch keine gemeldeten Angriffe. Trotzdem entscheiden wir uns, lieber weiter in Richtung Norden zu fahren.

Wir nehmen die Fähre von Puntarenas nach Puerto Naranjo, um einen weiteren Höllenritt auf Schotter- und Schlammpisten anzutreten. Durchgeschüttelt erreichen wir Mal Pais, ein kleines verschlafenes Nest mit vielen Freaks, Surfern und Hippies. In Mal Pais gibt es eine geniale Openairbar direkt am Strand, die nachts nur von Feuern und Fackeln beleuchtet wird. Jeder, der in der Gegend ist, sollte sich dort das ein oder andere Imperial reintun. Dies nur am Rande. Auch die Surfbedingungen sind gut und wir testen zwei Tage die unterschiedlichen Peaks. Wir treten unseren blauen Jeep weiter an der Küste entlang durch diverse Flüsse und Schlaglöcher, nehmen ab und zu eine falsche Lichtung als Abzweigung und so dauert die Fahrt nach Tamarindo einen guten Tag.

Tamarindo ist das Pendant zu Jaco und das Dorf zieht eine Vielzahl von Urlaubern an. Einziger Grund für uns nach Tamarindo zu kommen, ist die Möglichkeit, Boote zu chartern, die uns zu den durch Endless Summer bekannt gewordenen Wellen Witchs Rock und Ollies Point bringen sollen. Der Swell nimmt jedoch zusehends ab, sodass uns die Angelegenheit mit dem Boot zu teuer und risikoreich erscheint. Daher checken wir die Spots um Tamarindo. Mit Little Hawaii und Avellanas finden wir zwei kleine nette Wellen, die auch bei der Wellenhöhe Spaß bringen und die wir nur mit ein paar Einheimischen, Schildkröten und kleinen Seeschlangen teilen müssen.

Nachdem wir die ganze Pazifikküste abgefahren sind, steht uns noch die Karibikseite offen. Wir entscheiden uns, spontan quer durchs Land zu fahren, mit einer Nacht in San José. Nach zwei Stunden hinter einer LKW-Kolonne mitten im bergigen Hinterland setze ich zum Überholen an und kachel mit 125 km/h statt der erlaubten 60km/h in eine Radarfalle. Der Officer gibt uns zu verstehen, wer hier am längeren Hebel sitzt, freut sich aber über unsere verkrampften Spanischkenntnisse. Wir haben zwei Optionen: die offizielle erscheint uns nicht sehr reizvoll, sodass wir uns für die inoffizielle entscheiden, die günstiger und vor allem schneller daherkommt, wobei ein großer Schein direkt in Tasche des Polizisten verschwindet und so sein Abendessen sichert. Der Beamte grinst uns durch seine Zahnlücke an und rät dazu, vorsichtiger zu fahren, da uns noch fünf Polizei-Checkpoints auf der Route erwarten – guter Tipp!

Am kommenden Tag rollen wir in Puerto Viejo ein, Heimat der legendären Welle Salsa Brava, eine Mischung aus Pipeline und Tahiti, wenn es groß ist. Die Bevölkerung ist eine bunte Mischung aus farbigen Zuwanderern einiger Karibischer Inseln, zugezogenen Amis, Euros und Ticos. Das ganze Dorf riecht nach Gras, was an jeder Ecke pfeilgeboten wird. Wir kommen in einem kleinen Hostel unter und treffen Alex wieder, der uns stolz sein Heimatdorf zeigt. Die Wellen sind die ersten drei Tage riesig. In Salsa Brava sitzen nur noch eine Hand voll Verrückte im Wasser. Die Welle kommt aus dem Nichts, saugt sich am Riff fest, scheint eine Sekunde bewegungslos als Wand dazustehen und schmeißt sich dann mit enormer Kraft in eine der miesesten Tubes, die wir je gesehen haben. Es gibt Geschichten über gebrochene Wirbelsäulen und Knochen. Die konstanten Vier-Meter-Faces und einige Freaksets überzeugen uns problemlos, das Spektakel vom Strand aus zu beobachten. Besonders auffallend sind zwei farbige Surf-Groms, die in jede Tube ziehen, als hätten sie nichts zu verlieren – die wahren Helden weitab der Hochglanz- Surfwelt! Bei dieser Größe brechen auch die anliegenden Beachbreaks close out, aber wir finden noch eine gute Welle an einer vorgelagerten Insel, die läuft. Trotzdem hängen unsere Gedanken an Salsa Brava und an den geisterhaften Gestalten, die dort Kopf und Kragen riskieren.

Nach vier Tagen geht der Swell auf eine Größe zurück, an dem man einen Wipe Out in Salsa Brava unbeschadet überstehen kann. Frühmorgens springen wir über die Felsen ins Wasser und lassen uns in dem Channel nach draußen ziehen. Unsere Herzen klopfen zum Zerspringen und meine Gesichtsfarbe wechselt zu angstweiß. Wir reihen uns ganz hinten ein und ernten trotzdem grimmige Blicke. Erst als Alex zu uns rüberpaddelt und uns mal wieder einige seiner Kumpels vorstellt, wird die Stimmung etwas entspannter. Trotzdem ist klar, dass ein Fehler gleichbedeutend mit einem Verweis aus dem Wasser ist. Hier geht es nicht um Spaß, es scheint eine strenge Rangordnung zu geben, die von Respekt und Achtung geprägt ist. Die meisten der Jungs tun so, als hätten sie nicht viel zu verlieren und das merkt man ihrem Surfen deutlich an. Die letzten Tage in Salsa Brava runden den Trip perfekt ab und wir hätten solche Wellen niemals in der Karibik vermutet. Ausgebrannt und überglücklich gehen wir den Rückweg zum San José Airport an und verlassen das Land mit einer riesigen Menge an Eindrücken, Erinnerungen und Erfahrungen, die uns garantiert zurückkehren lassen. Pura Vida!!!

Free-Magazin Ausgabe 22 | Text Rik Fiddike | Fotos Rik Fiddike

1 Kommentar »

  1. Schöne Story, bitte mehr davon!

    Wer “In Search of Captain Zero” von Allan Weisbecker gelesen hat (zieht es euch rein, es ist ein fantstisches Buch!), dem ist Salsa Brava ein Begriff. Schaurig schön…
    Costa Rica steht auch auf meiner Liste ganz oben. Leider mußte ich schon zwei Gelegenheiten ziehen lassen, mit Freunden aus Kalifornien nach CR zu fliegen. Einer dieser Jungs (Steve) ist gerade dort und hat möglicherweise den trip seines Lebens. Egal, das nächste Mal bin ich mit Sicherheit dabei!

    Gruß,
    Oli

    Kommentar von Oli — 5. November 2006 @ 14:08

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