„Nimm den Worldcup beim Windsurfen. Da ist es wichtiger, abends bei Gosch zu stehen, als beim Windsurfen zuzusehen. Das will ich nicht. Die Leute sollen wegen des Longboardens kommen und nicht weil hier irgendeine Playstation steht oder ein tolles Partyzelt aufgebaut ist. Das Longboard-Festival ist für die Leute, die daran Interesse haben, alle anderen brauchen nicht zu kommen“, Sven Behrens, Veranstalter.Genau genommen hat das Longboard-Festival einen eher traurigen Beigeschmack: Es bedeutet das Ende des Sommers und damit der Surfsaison, zumindest bei uns in Deutschland. Nichtsdestotrotz hat sich das Festival zum größten Treffen von Longboardern entwickelt. Niemanden interessiert sich für den bevorstehenden Winter, ganz im Gegenteil, alle genießen die Tage. Brian Bojsen: „Es ist ein Festival für die Surfer, das wurde die ganzen fünf Jahre beibehalten, deshalb kommen auch so viele Leute. Es geht nicht um irgendwelche Preise, es geht um uns und das zählt. Früher versuchte auch der Deutsche Wellenreitverband hier die DM zu machen, selbst das haben die nicht geschafft. Auf der Insel, auf der das Wellenreiten in Deutschland begann, haben sie alle Leute verarscht, sodass kein Sylter mehr Bock hatte, auf einem Contest mitzufahren. Das Besondere ist doch, dass nicht auf strikte Regeln geachtet wird. Die Schwimmer können nur morgens und abends, also werden ihre Heats so gelegt, dass sie dann stattfinden, wenn sie die Zeit haben. Oder die Surfer, die tagsüber arbeiten: Wenn die Wellen am nächsten Morgen besser sind, dann können sie später einsteigen – das ganze System ist variabel und genau das macht es aus.“
Seit fünf Jahren findet es nun statt. Fünf Jahre, in denen es immer Wellen gab. Fünf Jahre mit unterschiedlichsten Wetterbedingungen – begleitet von Stürmen und gefährlichen Bedingungen oder sommerlichem Surfvergnügen in kleineren Wellen. Auch in diesem Jahr zeigte sich das Wetter von seiner vielseitigsten Seite: vier Jahreszeiten in vier Tagen. Fünf Jahre sind ein Anlass dafür, ein kleines Jubiläum zu feiern und die vergangenen Jahre Revue passieren zu lassen. Sven Behrens, der Veranstalter blickt auf die vergangenen Jahre zurück:
2000: Ich hatte damals überhaupt keine Erfahrung, wie man so etwas auf- und durchzieht. Zudem hatte ich gerade die Buhne (Buhne 16) von meinen Eltern übernommen und hatte damit schon genug zu tun und dann noch ein Sportevent. Es waren aber viele Leute da, die mir geholfen haben: Brian (Bojsen) hat viel gemacht, Angelo (Schmidt) war da, Jagger hatte einen Judgekurs gemacht und wusste, wie das geht usw. Im Grunde haben mir ganz viele geholfen – alleine hätte ich das nicht geschafft. Das erste Jahr war etwas ganz Besonderes, es herrschte eine Euphorie, die heute zwar auch noch da ist, aber doch anders ist als früher. Ich kann mich noch erinnern, dass wir eine riesige Kiste mit Preisen hatten, in die jeder Teilnehmer reingreifen konnte und so einen Preis bekam – egal, Wievielter er geworden war. Es gab aber auch Jahre, in denen ich Preise dazukaufen musste. Das lag dann aber auch an mir, weil ich zu spät anfing, mich darum zu kümmern.
2001: Das war ein Jahr, das mir aufgrund des Sturmes immer in Erinnerung bleiben wird. Im Grunde war es nicht mehr surfbar – mit Longboards schon gar nicht, da draußen liefen richtige Monster. Bei Hochwasser kamen wir kaum raus. Ich glaube Tom (Knuth) schaffte es als Einziger, hinter die erste Sandbank zu paddeln. Wir mussten vier Buhnen entfernt ins Wasser gehen, um letztlich vor dem Judgewagen zu surfen. Eine Megaströmung und monströse Wellen, aber die Stimmung war unglaublich gut. Wir haben oft schöne Wellen und schönes Wetter, aber das war imposant: Fliegendes Wasser und fliegender Sand, es war kalt und nass, alles klamm, keiner wollte sich umziehen, die Judges saßen auf dem Wagen ohne Wetterschutz. Ich fand das richtig abgefahren. Im Gegensatz zum ersten Jahr, in dem wir nur „Männer“ und „Senioren“ hatten, kamen im zweiten Jahr die „Frauen“ dazu. Im Dritten dann auch noch „Junioren“. Mittlerweile haben wir sogar „Junioren Frauen“ und „Junioren Männer“. Das wurde langsam peu à peu immer mehr. Mich freut das ungemein, dass vor allem unsere Kinder aufs Wasser gehen – egal, ob Short- oder Longboard. Es wird immer mehr werden; ich habe Kinder, Brian hat einen Sohn, viele von den Jungs, die mitfahren, haben inzwischen Nachwuchs und der surft auch irgendwann. Es ist der Lauf der Dinge, dass die nächste Generation kommt. Im zweiten Jahr war die Organisation schon ein bisschen einfacher. Ich wusste, wen ich ansprechen musste und auf was ich zu achten hatte.
2002: In dem Jahr kam Tony Caramanico. Lumen Eyewear hatte ihm einen Flug bezahlt, um bei uns mitsurfen zu können. In den USA ist Tony recht bekannt, bei uns leider nicht so. Er hat sich bei uns sehr wohl gefühlt und ich glaube, dass er es ernst gemeint hat. Wir hatten aber auch geiles Wetter: Die ganze Zeit super Sonne, zwei Tage kleine, aber fantastische Wellen – es war im Grunde perfekt, auch für Tony. Stell dir mal vor, der kommt aus der Wärme und wir haben hier norddeutsches Scheißwetter – na Prost Mahlzeit. Tony arbeitet als Künstler und erstellt (Surf-) Tagebücher, in denen er alles einarbeitet, was er finden kann. Ein Collagestil, den er von Peter Beard, dem bedeutendsten Künstler auf diesem Gebiet, gelernt hat. Mittlerweile hängen nicht nur Peters Arbeiten in Museen, sondern auch Tonys.
2003: Ich kann mich noch genau erinnern: Am Donnerstagabend war es noch in der Schwebe. Da haben wir noch rumgerätselt, ob wir starten sollen oder nicht. Wir hatten ein Meter hohe Wellen, aber alles war so schwammig, dass wir uns entschieden haben, erst am Freitag zu beginnen. Und das war genau richtig: Wir hatten eine Südströmung, dann drehte der Wind für ein paar Stunden auf Südost, sodass wir geile anderthalb Meter mit leicht Offshore drin hatten. Wir haben alles komplett durchgezogen, sodass wir schon am Samstagabend die Siegerehrung machen konnten. Wir fuhren das Finale abends zwischen halb acht und acht, denn am Sonntag sollte nichts mehr kommen und es kam auch nicht. Da konnten wir die Heats, so wie sie gesetzt waren, durchziehen, das war perfekt.
2004: Samstag zwei Uhr und immer noch keine Wellen – ich bin gespannt, aber schließlich haben wir vier Jahre lang Wellen gehabt. Man kann nicht erwarten, dass es im fünften Jahr auch so sein wird. Bei meinem Glück – vielleicht. Was aber schon jetzt absehbar ist: Wir schaffen die ganzen Heats nicht mehr. Entweder werden wir dann im K.O.-System starten (zehn gehen raus und zwei kommen weiter) oder wir gehen von der Wertung weg und ziehen die Senioren, Junioren und Frauen schnell durch. Die anderen bewerteten wir einfach, ohne eine Rangfolge festzulegen. Mal sehen, ist ja schließlich ein Festival. Wir kriegen das schon hin.
Sponsoren? Natürlich gab es auch Firmen, die „groß“ mit einsteigen wollten. Red Bull war so ein Unternehmen. Ich habe kein Problem damit, dass sich Firmen daran beteiligen. Ich habe nur dann ein Problem, wenn es mir aus der Hand genommen wird. Ich möchte mit den Leuten dieses Festival organisieren, mit denen ich will, ich möchte nicht geknebelt werden. Dann heißt das auf einmal: Wir wollen, dass so und so gejudged wird, wir möchten unsere Banner genau dort aufgestellt haben oder wir wollen möglichst viele Presseberichte haben. Das ist aus Sicht der Firmen zwar nachvollziehbar, aber ich möchte meine eigene Entscheidungsgewalt behalten. Es ist schön, wenn Firmen dabei sind, aber nicht um jeden Preis. Es ist nicht Sinn der Sache, jeden rauszuschmeißen, der zu seinem Heat nicht da ist – die fahren halt später. Es geht nicht darum, jede Regel penetrant einzuhalten, schließlich ist es ein Festival und kein Contest.
Fehler? An ganz große Schnitzer, die wir gemacht haben, kann ich mich nicht erinnern. Logischerweise ist das auch immer wetterabhängig. Wenn erst ab mittags Wellen sind, muss ich den Kram durchziehen. Eine gewisse Chaotik ist immer noch drin. Natürlich habe ich Fehler gemacht, aber im Großen und Ganzen sind wir beim dem geblieben, was wir von Anfang an hatten. Zum Beispiel der Planwagen von Graig (Strandsheriff), den wir jedes Jahr an den Strand ziehen – seit neustem ist da sogar eine Plane drüber.
Teilnehmer? Jedes Jahr haben wir mehr Teilnehmer. In diesem Jahr hatte ich schon eine Warteliste. Grundsätzlich nehme ich die Teilnehmer vom Vorjahr auf die Setzliste, allerdings müssen sie sich schon anmelden, damit ich weiß, dass sie da sind. Die Grenze liegt bei ca. 100 Leuten, darüber hinaus schaffen wir es auch irgendwann nicht mehr. Nicht nur ich als Organisator, auch Tosche als Headjudge muss das noch geregelt bekommen. Im ersten Jahr nahmen im Grunde nur Sylter Locals teil. Nach und nach wurden es dann immer mehr „Nichtsylter“. Die Kieler stellten bald die zweitstärkste Ecke und mittlerweile kommen auch ein paar aus Hamburg.
Sieger? Bis 2004 hatte niemand zweimal gewonnen. Markus Mager war zwar immer auf dem Treppchen, aber das er jetzt zum zweiten Mal gewann, ist schon sensationell. Mit Fraune hatten wir vor zwei Jahren einen echten Überraschungssieger. Er gehörte zwar (und gehört heute immer noch) zum engeren Kreis der Finalisten, aber dass er gewinnen würde, damit hatten nicht alle gerechnet. Ich glaube, das war sogar an seinem Geburtstag. Als ich 2003 gewann, hatte wahrscheinlich auch niemand damit gerechnet – ich am allerwenigsten, damit gehöre ich wohl auch in den engeren Kreis, genauso wie Markus Mager, Tom Knuth oder Kai Krüger. Aber es ist schon verdammt schwer ins Finale zu kommen, denn das Level der Jungs ist echt hoch und man braucht auch ein bisschen Glück.
Bleiben wir in diesem Jahr, 2004. Es haben sich so viele Teilnehmer wie noch nie gemeldet und Sven glaubt an sein Glück, auch in diesem Jahr, beim fünften Longboard-Festival, die heiß geliebten Wellen zu bekommen. Und er sollte recht behalten: Es kamen Wellen, obwohl auch schon vorher ein paar da waren. Ganz klein, aber dennoch surfbar. Spaßwellen ohne jeden Wettbewerbscharakter – weder in Contest- noch in Festivalstimmung, die kleinen Dinger. Es war warm. Warm genug, um nur in Shorts aufs Wasser zu gehen. Die „Junioren Frauen“ fuhren ihre Wertung, die gleichzeitig das Finale war. Was soll man auch bei fünf Teilnehmerinnen anderes machen? Der Sommer schickte sich an, sich Richtung Südhalbkugel abzusetzen. Wir genossen diese letzten Sommertage. Am nächsten Tag war Herbst. Temperatursturz um zehn Grad, aus Shorts wurden zwangsweise Neos, aus Sonne wurde Regen und aus kleinen müden Wellen wurden muntere große. Hurra. Am nächsten Tag war bereits Spätherbst. Die Böen erreichten bis zu zehn Windstärken. Strandkörbe, die bei solch illustren Wetterbedingungen normalerweise als Deckung herhalten müssen, wurden in geordneter Hektik von Graig und seinen Jungs gesichert. Man sieht es auf Sylt nicht so gerne, wenn Touristen von umherfliegenden Strandkörben getroffen werden – egal, bei welcher Windstärke. Vielleicht zieht deshalb manch einer einen Sandkreis burgähnlicher Natur um den von ihm angemieteten Strandkorb. Das mag zwar auf allerlei Eindringlinge abschreckend wirken, vor allem auf den Nachbarn, aber Wind und Wetter lassen sich nichts sagen. Genau wie die Sylter. Sven ist so einer. Dieser norddeutsche, um nicht zu sagen, friesische Menschenschlag, lebt ein möglichst unabhängiges Leben. Keiner soll ihm reinquatschen, außer, er ist auch ein Friese. Na bitte, damit hat so mancher ein Problem. Was man verstehen kann, denn mit Friesen ist nicht gut Kirschen essen, wenn man es falsch anpackt. Damit wir jetzt nicht in einen Exkurs „Wie werde ich mit einem Friesen gut Freund“ abdriften, lasse ich das mal so stehen. Nicht alle Sylter sind Friesen. Nur die „echten“ Sylter, nicht die zugereisten, wie die auf der Insel hängengebliebenen Zivis. Da Friesen und deren Verbündete schon seit jeher miteinander kollaborieren, hat sich das bis in die jüngste Geschichte des Longboard-Festivals nicht geändert. Einige extra angereiste Zuschauer und „halbe Teilnehmer“ fühlten sich somit ausgeschlossen. Das soll nicht sein, aber der Friese an sich ist wirklich nicht einfach. Ein Erklärungsversuch: Inseln prägten schon seit Menschengedenken einen recht individuellen Charakterzug: den Dickkopf. Auf sich allein gestellt, weit weg von der Obrigkeit, hörten sie nur auf sich allein, höchstens noch auf ihren Deichgrafen, verdingten sich als Strandräuber; Schmuggler oder sonstige ruchlosen Gesellen – Hauptsache, niemand schrieb ihnen vor, was sie wann und wo zu machen hatten. „Lieber tot als Sklave“, ihr Lebensmotto kam nicht von ungefähr. Bis heute blieb ein bisschen davon in jedem Friesen erhalten. Auch bei Sven. Sponsorenverhandlungen können mitunter einen ungewohnten Verlauf nehmen – für die Unternehmen. In der Regel sind Veranstalter scharf auf Unterstützung und Promotion, wenn sie Geld verdienen wollen. Genau das will Sven nicht. Wenn er keine Kosten hat, reicht ihm das. Das angesprochene Inselleben prägt nicht nur den Charakter (auch wenn man kein Friese ist), sondern auch das soziale Verhalten. Im Zweifelsfall lebt man das ganze Jahr zusammen auf einer Insel, muss miteinander auskommen und schottet sich langsam vom Festland (und den damit dazugehörigen Festländern) ab. Das geschieht in keiner böser Absicht, es ist der soziale Lauf. Jemand, der keine Probleme mit den Syltern hat, ist Arne Roth aus Kiel, selbst eine mit einem „Localismproblem behaftete Stadt“. Allerdings soll das jetzt mal beiseite geschoben werden und sich mit weitaus erfreulicheren Dingen beschäftigt werden: Arne also, nahm nicht nur zum ersten Mal an einem Festival, Contest oder sonstigem teil, sondern er surfte gleich auf den vierten Platz. Hut ab – in dieser „Localbastion“, von der man immer behauptet, dass sowieso keine „Nichtsylter“ ins Finale kommen. Verschätzt meine Herren. Arne belegte damit den besten Platz eines teilnehmenden „Nichtsyltlocalsurfers“ seit Bestehen des Festivals.





Das Ende des Sommers ist der BEGINN der Surfsaison in Deutschland. Alles andere ist was für Weicheier!!!
Kommentar von Nightfligh — 21. Juli 2008 @ 00:20