Archive for Januar, 2005
Davidoff Cool Water and RIP CURL present: Freeski les diablerets 04
Am ersten Tag des FREESKI LES DIABLERETS 04 Events stand die Qualifikation zu den Halfpipe- und Slopestyle-Finalplätzen an, um die die jungen Wilden der europäischen Freeskiszene kämpften. Höhenwinde, die den „Glacier 3000“ in Les Diablerets Glacier 3000 streiften, sorgten dafür, dass sich die vereinzelten Wolken verzogen und der Freeski 04 unter blauem Himmel und mit milden Temperaturen starten konnte. Teilnehmer und Zuschauer waren beeindruckt vom Panorama der Waadtländer Alpen und von der Action, die die 40 Qualifikanten zeigten. Nachdem am zweiten Tag aufgrund schlechten Wetters kein Wettkampf ausgetragen werden konnte, fand das Finale des Slopestyles am dritten Tag statt. Dabei wurde deutlich demonstriert, auf welchem Level sich diese junge, aggressive Variante des Skisports mittlerweile befindet. Der kanadische Freeskier Charles Gagner gewann den Slopestyle Contest mit gewaltigen Spins wie zum Beispiel einem „Corked 540“ und zeigte auch bei den Rails mit „270 Offs“ am Gap-Rail und „Switch 450 out“ am Kinked-Rail sensationelle Moves.Am vierten Tag dominierten die Franzosen das Halfpipe-Finale. Der Tag begann mit strahlendblauem Himmel über dem Schweizer Dorf Les Diablerets, aber schon bald zog schlechtes Wetter auf und es herrschten winterliche Bedingungen, als die Fahrer auf dem Glacier 3000 in der Halfpipe starteten. Es begann leicht zu schneien, als die besten zwölf Freeskier sich ihren Weg ins Finale erkämpft hatten. Mittlerweile aufgewärmt demonstrierten sie ihre technischen Stärken in der eisigen Pipe, indem sie zur Freude der Zuschauer hohe Airs und Rotationen zeigten. Die französische Dominanz war überragend und so war der in Tignes ansässige Australier Woodie Bouma der einzige Nicht-Franzose unter den ersten sieben Platzierten. Arnaud Kugener zeigte, ebenso wie Vincent Estorc, zwei gute und konstante Finalläufe, jedoch waren die Judges noch mehr von den Leistungen von Loic Collomb Patton, Baptistes Cousin, und Arnaud Rouger angetan, die Dritter bzw. Zweiter wurden. Ganz oben stand Mathias Wecxsteen aus Les Deux Alpes, der in seinen Final-Runs 900s and Alley Oops 7s zeigte und durch seine Tageshöchstpunktzahl das rein französische Podium komplettierte. Leider musste die Davidoff Cool Water Xpression Session, die für den Nachmittag angesetzt war, aufgrund des schlechter werdenden Wetters abgesagt werden. Dennoch kam die dafür geschaffene Jib Area bei den Fahrern gut an und wurde immer wieder für kleine Runs neben dem Wettkampfgeschehen genutzt.
Der kanadische Freeskiing Pioneer Phil Larose, der die Qualifikation der Top 12 schaffte, meinte: „Der Contest war sehr gut, ich fand den Park und den Setup der Obstacle wirklich gelungen. Eigentlich wollte ich dieses Jahr, nach zehn aktiven Jahren im Skisport, keine Wettbewerbe mehr fahren, aber dieser Event ist etwas Besonderes und ich hatte wirklich sehr viel Spaß.“ Mit ihren ersten Plätzen beim Rip Curl & Davidoff Cool Water Freeski 04 in Les Diablerets sicherten sich die Gewinner Charles Gagner (Slopestyle) und Mathias Wecxsteen (Halfpipe) einen Teilnahmeplatz bei den diesjährigen Winter-X-Games in den USA.
Posted: Januar 1st, 2005 under BERICHTE.
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Fuerte Islander: René Egli
Fuerte Islander: René Egli
1982 „entdeckte“ ich anlässlich meiner Windsurflehrerausbildung auf Fuerteventura den Playa Sotavento beim Hotel Sol Gorriones. Der ganze Spot war fürs Windsurfen ideal. Der Wind blies stark und konstant und das Wasser bot Bedingungen von Flachwasser bis zu einem Meter hohe Wellen. Insbesondere die Windsicherheit des Spots beeindruckte mich. Dafür sind zwei natürliche Effekte verantwortlich: Erstens wird der vorherrschende Nord-Ost-Passat auf Nord-West umgelenkt und muss sich durch zwei Bergzüge hindurchzwängen. Zweitens erwärmt die Sonne die Insel mehr als das Wasser, der kalte Passat muss sich unter der aufsteigenden Warmluft hindurchzwängen. Es kommt durch diese natürlichen Düsen, auch bekannt als die so genannte Sotavento-Düse, zu einer Doppelbeschleunigung und so hat der Spot wesentlich stärkeren Wind als die Umgebung. Ein weiterer wichtiger Punkt: Auch die nicht windsurfende Begleitung konnte sich an dem kilometerlangen, weißen Sandstrand bei perfektem Klima wohl fühlen. Ganzjährig angenehme Temperaturen, türkisfarbenes, glasklares Wasser und kurze Flugzeiten innerhalb Europas rundeten meinen Eindruck ab.
1984 kam ich dann mit acht Boards und 30 Riggs im Gepäck auf Fuerteventura an. Vorher musste ich allerdings noch die Gemeinde davon überzeugen, dass am Strand in größerem Maßstab Wassersport betrieben wird und daher auch große Änderungen in der Infrastruktur notwendig werden würden, wie zum Beispiel neue Zufahrtswege, Parkplätze, etc. Als staatlich geprüfter, spanischer Segellehrer bekam zwar ich persönlich die Bewilligung, eine Schule zu eröffnen, hatte aber Probleme, Arbeitsbewilligungen für nicht spanisch sprechende, ausländische Mitarbeiter zu bekommen, da es die heute bekannte EU noch nicht in dieser Form gab. Die internationalen Reiseveranstalter mussten davon überzeugt werden, dass mein Produkt ausreichend Platz für eine gute Ausschreibung braucht statt eines kleinen Infosatzes „Sport vor Ort möglich“. Mein Konzept war nicht einfach nur, eine Windsurfschule aufzumachen, wo zufällig ein Urlauber vorbeikommt und eventuell Material ausleihen oder einen Kurs besuchen möchte, sondern ich wollte von zu Hause komplett buchbaren Windsurfurlaub anbieten. Das bedeutete, dass mein Programm in ihren Katalogen als viel Platz beanspruchende Sonderleistung veröffentlicht werden musste. Ständiger intensiver Kontakt zu internationalen Reiseveranstaltern verwirklichte meine Vision, sämtliche Leistungen bis ins Detail, wie die Buchbarkeit eines bestimmten Windsurfbrettes des Pro Center René Egli, weltweit buchen zu können. Da wir damals noch nicht bekannt waren, war es schwierig, andere von unseren perfekten Bedingungen zu überzeugen.
1985 gelang es mir die englische Speedorganisation darauf aufmerksam zu machen, dass der Playa Sotavento viel Wind hat. Sie informierten die Windsurf-Profis und so organisierte ich im folgenden Jahr 1986 den ersten Worldcup. Seitdem organisiere ich nun jährlich die Worldcups auf Fuerteventura, welche mittlerweile bis zu 60 Millionen Fernsehzuschauer jährlich sehen. Im gleichen Jahr stellte Pascal Maka einen neuen Speedrekord mit 71,8 km/h auf. Seitdem treffen sich jedes Jahr die Windsurfprofis zum Kräftemessen direkt vor dem Pro Center I. Da Surfer bekanntermaßen auch gerne feiern, eröffnete ich 1996 die „Fuerte Action Bar“ in der Costa Calma, die sich zum Windsurf-Szene-Treff schlechthin entwickelte. 1997 ermöglichten wir während eines Super Grand Slam neben den Disziplinen Speed und Racing erstmals das Austragen eines PWA Freestyle Worldcups.
Als das Pro Center I 1999 aus allen Nähten platzte, eröffneten wir mit dem Pro Center II einen für Anfänger und Fortgeschrittene gleichermaßen geeigneten Spot. Anfänger und Aufsteiger können in der großen, stehtiefen Lagune optimal zurechtkommen, während sich die Fortgeschrittenen an den Sandbänken vor der Lagune mit bis zu zwei Meter hohen Wellen vergnügen können. 2001 erweiterten wir das Angebot und integrierten im Pro Center I das Kite Center und veranstalteten im gleichen Jahr den ersten Kiteboard Worldcup, bei dem ebenfalls ein Rekord gebrochen wurde. Sebastien Cattelan stellte mit 8,87 Sekunden einen neuen Hangtime-Weltrekord auf. Zwei Jahre später wurde mir von der kanarischen Regierung für die Organisation des Windsurfing- und Kiteboarding-Worldcups der Preis „Goldmedaille für die beste touristische Leistung 2003 auf den Kanarischen Inseln“ überreicht. Mittlerweile können unsere jährlich 10.000 Kunden zwischen 1.000 Segeln und 300 Windsurfbrettern sowie 180 Kites und 80 Kiteboards wählen, im Pro Center Hard Ware Shop und in sieben Fuerte Action Shops bummeln und sich in der „Fuerte Action Bar” stärken. Die Importfirma René Egli Canarias S.L. versorgt die Kanarischen Inseln mit dem neuesten Wind- und Kitesurfmaterial und etwa 70 Mitarbeiter sorgen in den unterschiedlichen Business Units dafür, dass alles reibungslos funktioniert.
Posted: Januar 1st, 2005 under WINDSURF, KITE, BERICHTE.
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La derecha de los alemanes
12. November 2004, 23:00 Uhr. Kiel, Regen, vier Grad. Es ist Freitagabend und ich sitze im Büro und arbeite an einem Businessplan für ein neues Projekt, das wir in Kürze starten wollen. Meine Frau und meine Freunde sind auf einer Party. Scheiße, denke ich mir, da wäre ich jetzt auch gerne! Aber mein Frust verfliegt, wenn ich daran denke, dass ich am nächsten Morgen für fast einen Monat nach Fuerteventura fliege. Zusammen mit dem Ausnahme-Longboarder Brian Bojsen werde ich Menschen treffen, über die wir in unserem Fuerte-Special berichten möchten.13. November 2004, 16:25 Uhr. Fuerteventura, Sonne, 25 Grad. Wir steigen aus dem Flugzeug und mit einem Schlag ist der Frust der letzten Tage verflogen. Nur vier Flugstunden von Deutschland entfernt liegt das Paradies. Nicht, weil Fuerteventura eine so unheimlich schöne Insel ist. Darüber lässt sich sicherlich streiten. Aber für mich ist es paradiesisch, aus einem grauen, zukunftslosen Land in die Sonne zu fliegen. Hätten wir in Deutschland das Wetter der Kanaren, würden wir sicherlich nicht seit Jahren in einer wirtschaftlichen Depression stecken.
Jolli holt uns vom Flughafen ab. Wir fahren direkt an den North Shore und wollen unbedingt noch mal ins Wasser. Es ist fast dunkel, als wir dort ankommen. Die Wellen sind vielleicht nur ein bis zwei Fuß hoch, aber das ist vollkommen egal. Wir schnappen unsere Longboards und setzen uns an den Peak. Wir sind ganz alleine und schauen uns den Sonnenuntergang an. Ich bin kein Romantiker, aber an diesen Moment werde ich mich mein Leben lang erinnern. 24 Stunden vorher saß ich noch in meinem Büro, dachte über Potentiale und Entwicklungen nach, und nun sitze ich im Wasser mit Freunden, surfe kleinsten Swell in Shorts und Lycra und bin einfach nur glücklich.
Am nächsten Tag kehren wir an diesen Spot zurück. Der Swell hat zugenommen. Es ist 10:00 Uhr, im Line up sitzen an die 25 Surfer. Wir springen ins Wasser, paddeln raus. Draußen angekommen grüße ich die Leute, die an mir vorbeipaddeln, bekomme aber keine Reaktion. Ich setze mich nicht gleich an den Peak, auch wenn ich mit meinem Longboard locker jede Welle fünf Meter vor den Jungs mit den Shortboards bekäme. Aber an einer Kasse stellt man sich ja auch nicht nach vorne, wenn bereits zehn Leute in der Schlange stehen. Manche Surfer sehen das allerdings anders. Sie paddeln grundsätzlich an allen vorbei an den Peak, dropen anderen in die Wellen und schreien rum, wenn sie näher am Peak saßen und ein weiterer Surfer versucht, die Welle anzupaddeln. Man hört oft Worte wie „Penner“ oder „Arschloch“ über das Wasser gleiten. Wenn man den anderen ins Gesicht schaut, sieht man verbissene Menschen, die es anscheinend als Strafe empfinden, bei strahlendem Sonnenschein auf dem Wasser zu sitzen. Irgendwas läuft hier falsch, denke ich. Ich rufe Jolli zu: „Alter, wo sind wir denn hier gelandet?“ „Der Spot heißt eigentlich ‚Hierro’, wird aber nur noch ‚La derecha de los alemanes’ genannt,“ ruft er zurück. „Hierro“ ist der Spot ganz links am North Shore. Durch eine Lagune kann man bequem am Weißwasser vorbeipaddeln, was diesen Spot auch bei Anfängern so beliebt macht, und bei den Deutschen. „Ich gehe hier normalerweise nicht mehr surfen,“ sagt mir Jolli später (siehe Seite XX). „Die Stimmung ist grundsätzlich schlecht auf dem Wasser und das liegt nicht an den Spaniern, sondern zum größten Teil an den Deutschen.“
„La derecha de los alemanes“ (sinngemäß übersetzt: die Rechtswelle der Deutschen) passt wohl auch politisch ganz gut, auch wenn die Spanier diese Doppeldeutigkeit bei der Namensvergabe sicherlich nicht gewollt haben. Wir entschließen uns vom Wasser zu gehen. Ich paddele ein letztes Mal direkt am Peak sitzend eine Welle an und steh auf, sodass ein anderer Surfer zurückziehen muss; er schreit mir „Arschloch“ hinterher. Das war es, denke ich mir. Da ich nicht mit diesem genetischen Abfall in Verbindung gebracht werden will, entschließe ich mich, diesen Spot nie wieder in meinem Leben zu surfen.
„Gute Surfer bekommen jede Welle überall, nur die schlechten nicht und die sind dann schnell gefrustet,“ versucht Jolli mir dieses Phänomen zu erklären. Ich verstehe das trotzdem nicht. Wie kann man im Urlaub schlechte Laune haben? Wie kann man andere Leute bei tollen Bedingungen auf dem Wasser vollpöbeln? Nicht, dass ich nicht auch ganz gerne mal Menschen sage, was ich von ihnen halte. Aber auf dem Wasser?
Überall auf dem Planeten beschwert man sich über den ansteigenden Lokalismus an den Spots. Ich finde Lokalismus auch asozial, insbesondere, wenn es sich um unsere surferischen „Dritte-Welt-Spots“ an Nord- und Ostsee handelt. Nachdem ich „La derecha de los alemanes“ gesurft bin, kann man sich auf jeden Fall ein Bild davon machen, wie und wieso Lokalismus entsteht. Wenn sich die Surfer so respektlos auf dem Wasser verhalten, ständig anderen reindropen, immer, an allen wartenden Surfern vorbei, sich direkt am Peak platzieren, ohne vorher mal „Hola“, „Hi“ oder „Moin“ zu sagen, auf dem Wasser rumschreien, als ob ihnen der Planet gehörte, ist es kein Wunder, wenn den Surfern, die diese Wellen ihr zu Hause nennen, irgendwann der Kragen platzt.
Im November ging ein Aufschrei durch die einschlägigen Foren, als ein Video auftauchte, in dem ein Surfer von den „Locals“ beim Pipeline Contest auf Hawaii aufs Übelste verprügelt wurde. Die bekannten Schläger der Da Hui Gang machten ihrem Namen alle Ehre. Um es klar zu sagen: Diese Art des Lokalismus meine ich nicht, wenn ich sage, ich könne verstehen, dass manchen Spotbewohnern der Kragen platzt! Schließlich gibt es auch gewaltlose Formen des Lokalismus. Von den Da Hui Jungs ist nichts anderes zu erwarten. No brain – no pain. Kein Wunder, dass kein Mensch die „Friends of Da Hui“-Klamotten kauft. Wer möchte schon mit Koksern, Erpressern und Dealern befreundet sein?!
Ich bin mir sicher, dass sich ein Großteil der Surfer zu verhalten weiß und damit auch aktiv sämtliche Lokalismus-Formen verhindert. An alle anderen, die meinen, sich auf dem Wasser wie Gehirnamputierte verhalten zu müssen, sei Folgendes gesagt: Bitte legt das Magazin wieder hin, kündigt euer Abo und streicht es aus eurem Gehirn. Für euch machen wir es nicht, sondern für alle anderen, die mit einem Lächeln auf dem Wasser den Sonnenuntergang genießen.
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Posted: Januar 1st, 2005 under SURF, BERICHTE.
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Fuerte Islander: Jürgen Hönscheid
Stundenlang stand ich als kleiner Junge im Alter von zwölf Jahren auf der Kurpromenade vor Westerland und schaute fasziniert den Rettungsschwimmern beim Wellenreiten zu. 1966 hatten die Lifeguards bereits Bretter aus Biarritz und netterweise durften wir Jungsurfer, so wurden unsere Gruppe von fünf Jungs damals genannt, sie ab und zu ausleihen. Wir erledigten im Gegenzug kleinere Aufgaben wie Gäste bei beschränktem Badeverbot aus den Nachbarbuhnenfeldern heraushupen oder abends die Mietschaufeln einsammeln. Eine weitere Bedingung, die sie an uns stellten, war, dass wir nicht rauchen, sonst hätten wir keine Bretter bekommen. Nebenbei, ich rauche bis zum heutigen Tag nicht, wahrscheinlich aufgrund dieser unterschwelligen Angst, dann kein Board mehr zu bekommen.Mit ihren VW-Bussen waren die Sylter Surfer bereits in den sechziger Jahren auf den Kanarischen Inseln. Im Frühjahr kehrten die Zugvögel braungebrannt wieder nach Sylt zurück und erzählten uns kalkweißen Wellenbad-Bodysurfern Geschichten von den perfekten Wellen, wo „kein Tropfen Wasser am falschen Fleck“ war. 1970 ging für mich ein Traum in Erfüllung: Vier Wochen Gran Canaria und ich durfte mit Walter Viereck, von den Canarios mittlerweile „Don Quadrado” genannt, in dessen Bus wohnen. Es war das Jahr der Shortboardrevolution, die Longboards wurden abgelöst durch kürzere SingleFin Pintails und die ersten Leashes tauchten auf. Vorher war Surfen mehr Schwimmen als alles andere, nach jedem Wipeout musste man sein Board wieder einsammeln, Felsenufer waren absolut tabu. Walter hatte sich für die handfeste Lösung entschieden. Er nahm sein sechs Meter langes und bestimmt drei Zentimeter dickes Abschleppseil, bevor er sich mit seinem berüchtigten „Aganaga-Schrei” die Wellen von Maspalomas oder Arguinigen herunterstürzte. Andere benutzten Gummiseile, mit denen die Boards wie eine Rakete zurückgeschossen kamen. Ich bastelte mir mit Harpunengummi, in das ich eine dünne Nylonschnur einfädelte, eine gut funktionierende Leash. Gran Canaria
war damals noch nicht so stark bebaut. In Maspalomas am Leuchtturm gab es nur ein Hotel, in Arguinigen überwinterten ein paar Hippiesurfer in Plastikzelten. Es gab noch richtig originelle Tapa-Kneipen, in denen das Bier umgerechnet nur Pfennige kostete. Dazu die immer sonnig aufgelegten Canarios, die guten, konstanten Swells, das Klima – diese „Insel des ewigen Frühlings” gefiel mir schon sehr gut. Als auf Gran Canaria mit den Jahren stärker gebaut wurde und es für die Schwimmer mit ihren Bussen immer weniger gute Stellplätze gab, hielten sie nach Alternativen Ausschau. Wieder war es Don Quadrado und die Schwimmercrew, die Pionierarbeit leisteten, indem sie Fuerteventura erkundeten. Uwe Arndt vom damaligen „Haus am Watt” in Keitum gab mir mit seinen Schilderungen von unberührten Stränden, türkisem Wasser und der kontrastreichen Landschaft den Rest – da musste ich hin. Inzwischen waren wir mehrfach auf Hawaii gewesen. Uns gefiel es dort für eine Zeit lang auch gut, aber es war nicht das, was wir suchten.
Zusammen mit meiner Frau Ute und meinen Töchtern Bitsy und Sonni war es dann im Winter 1981/1982 soweit: Wir flogen das erste Mal nach Fuerteventura. Die Insel war kaum erschlossen. Uns verschlug es in den Norden der Insel. In dem kleinen Fischerdorf Corralejo gab es gerade mal eine asphaltierte Hauptstrasse, die Calle Principal. Alle anderen Straßen waren Schotterpisten, selbst die letzten 100 Kilometer in den Süden der Insel, nach Morro Jable, war aufgrund der unbefestigten Piste eine Tagesreise. Als Fortbewegungsmittel konnte man entweder einen Daihatsu Jeep mit ausgelatschten Federn oder einen schrottreifen Fiat Panda mieten. Aufgrund der Straßenbeschaffenheit erschien uns das teurere Allradfahrzeug sinnvoller und wir erkundeten damit die Strände im Norden. Einigermaßen bekannt war im Prinzip nur Cotillo. Wir benannten
den „Glass Beach” nach dem Haufen von Scherben am Strand. „Shooting Gallery” bekam seinen Namen aufgrund der leeren Patronenhülsen, die dort überall herumlagen. Die Surfer/Windsurfer waren damals die Majorero-Locals Sergio und Blas, der Belgier Leon hatte zwischen den Hotels „Oliva Beach” und „Tres Islas”, den Bausünden der sechziger Jahre, bereits eine Surfschule mit sehr relaxtem Ambiente eröffnet. Von Leon mieteten wir auch ein Apartment mit Basisausstattung am Strand. Einkaufen konnte man in den zwei „supermercados”, die nur ein kleines Warenangebot hatten. Der Überfluss wie zum Beispiel in den amerikanischen Supermarktketten auf Hawaii war hier nicht zu finden. Gab es Yoghurt, war es fast schon ein Feiertag für uns. Abends konnte man zwischen einer Hand voll Fischrestaurants wählen, in denen es keine deutsch- oder englischsprachige Speisekarten gab und man auf Spanisch bestellen musste. Die Welt war noch in Ordnung.
Vor allem die superbreiten, weißen Strände kombiniert mit dem türkisen Wasser hatten es meiner Familie und mir angetan – Fuerteventura war unsere Trauminsel. Wir hatten sehr gute Surf- und Windsurfbedingungen und flogen mit dem festen Wunsch, hier hin wieder zurückzukommen, nach Hause. Inzwischen war ich Windsurfprofi bei F2. Die Firma hatte ein Händlermeeting auf „heißen“ Tipp von Björn Schrader in Tunesien geplant. Parallel dazu sollte ein Werbefilm gedreht werden. Das Unternehmen endete jedoch in einer einzigen Katastrophe. Natürlich war kein Wind, es war saukalt und wir wohnten in einer Anlage an einem Nordhang, der den ganzen Tag den wärmenden Sonnenschein abschirmte. F2-Firmenchef Peter Brockhaus konnte sich im Krisenmanagement beweisen, die Stimmung unter den angereisten Händlern war bis aufs Äußerste gespannt. Das Essen war miserabel, einer biss sich im Speisesaal mit einem im undefinierbaren Reste-Couscous versteckten Korken einen Zahn aus. Es fehlte nicht viel zu einer Massenkeilerei. Zeit für uns, sich hier aus dem Staub zu machen. Ich schlug Peter vor, mit dem Kamerateam nach Fuerte zu fliegen, um den Film dort unter voraussichtlich besseren Bedingungen zu drehen. Fuerte sollte uns nicht enttäuschen, es gab Wind und Welle vom feinsten. Auf der Bootsmesse in Düsseldorf im Januar 1982 war der Film der Bringer, die Leute waren begeistert von „Europas Hawaii“. Auf der Messe war überall mein Konterfei auf riesengroßen Plakaten aufgehängt, sodass es mir schon peinlich war. „Das sieht ja hier aus wie bei Khomeni.“ Die Charchulla-Twins hatten doch immer den richtigen Kommentar zur richtigen Zeit parat.
Nach der Messe brach ein regelrechter Run auf Fuerte aus. Peter organisierte Händlerreisen dorthin, er plante zudem eine Profiworldcuptour und fragte mich nach den geeigneten Stationen. La Torche, Fuerte, Sylt, San Francisco, Hawaii nannte ich ihm. Beim Lauf auf Fuerteventura erwies sich der Wind als störrisch und es reichte nur zum Kursrennen. Genau einen Tag vor dem Wettbewerb waren allerdings Sideoffshore an der Shooting Gallery mit sauberen Wellen. Alles, was Rang und Namen hatte, ritt die masthohen Peaks: Robby Naish, Pete Cabrinha, Mike Eskimo, Phillip Pudenz, Kai Schnellbacher, Charly Messmer … Allerdings war es das dann auch. Der Rest der Zeit konnte nur zum Surfen ohne Segel genutzt werden. Der fehlende Wind brachte Fuerte den Namen „Flauteventura” ein. Zu meiner Erleichterung war das Gleichgewicht wieder hergestellt, indem die anfängliche Begeisterung für Fuerte abebbte, sodass wir wieder unsere Ruhe hatten. Ich konnte während unserer Langzeitaufenthalte wieder allein surfen, was allerdings fast ein bisschen langweilig wurde oder bei Monster-Bedingungen beängstigend war.
Es gab eine kleine internationale Gruppe, die sich nach und nach auf der Insel ansiedelte: Uli Cop, Morten, Gecko, Marco, Michel, Gerry, Mark, Mauro und Toto vom „Noworkteam“, Stefan und Adi von „SurfLife“, Mauro 2, der viele Spots mitentdeckte. Unser Freund, der Fotograf Charly Lang, hat bestimmt das größte Fuerteventura-Bilder-Archiv und war bei guten Bedingungen meist mit seiner Kamera dabei. Bei uns war es dann 1986 soweit. Ich hatte vom Worldcup und der vielen Reiserei mit 300 Kilogramm Windsurfgepäck rund um den Erdball die Schnauze voll. Meistens saß ich, alle Riggs aufgebaut, auf irgendeiner Veranstaltung. Nur fehlte sehr oft ein kleines Detail: der Wind, was auf Dauer doch sehr unbefriedigend war und als Ersatzprogramm immer nur Tauziehen mit der Regattaleitung – das konnte es doch nicht gewesen sein. Entscheidungen standen an. Obwohl ich immer noch vorne mitfuhr, kündigte ich meinen noch mehrere Jahre gültigen Profivertrag auf und wandelte ihn in einen Beratervertrag um.
Mein Geschäftspartner auf Sylt, Thomas Herz (Surf Line Sylt), wollte nach Teneriffa ziehen. Die Entscheidung, das Geschäft weiterführen zu wollen, hätte bedeutet, in der Hauptsaison im Sommer voll zu arbeiten, die langen Ferien der Kinder nicht zum Reisen nutzen zu können und im Winter, der geschäftlich flauen Jahreszeit, mit den wenigen Ferientagen der Kinder nichts anfangen zu wissen. So fiel unser Entschluss, erstmal nach Fuerte zu gehen. Surfbares Klima, auch im Winter, und dazu fast vier Monate Sommer-Schulferien für die Mädchen. Wir verkauften unsere Surfschule am Brandenburger Strand, den Surf Shop Sylt inklusive Custom-made-Werkstatt und Segelmacherei. Unser Toyota Landcruiser wurde mit dem Nötigsten beladen, darunter schwere Hanteln, ein besonders sperriger Bauchtrainer, Schreibmaschine, Diaprojektor, Kinderspielzeug und was man noch so alles braucht auf einer einsamen Wüsteninsel. Natürlich durfte das ganze Surfgerödel nicht fehlen. Der Landcruiser war bis zum Anschlag beladen. Unser Haus in Westerland wurde verpachtet. Wir wollten ja nicht aussteigen, uns gefiel es auf Sylt nach wie vor super, wenn da nicht der lange Winter gewesen wäre. Der Abschied fiel uns nicht schwer, denn er kam uns wie eine etwas längere Reise vor. Auf Fuerte bot mir unser Freund Ulli Cop eine Teilhaberschaft für mehrere Windsurfschulen an. Sehr schnell merkte ich allerdings, dass mir etwas fehlte. Ich brauchte eine handwerkliche Betätigung. Was lag da näher, als wieder mit dem Bretterbauen anzufangen. In Californien (Hawaii) und auch auf Sylt hatte ich von den damals bekanntesten Shapern wie Dick Brewer, John Hall, Peter Trombly, Tim Hupe, Harrold Iggy viel zu dem Thema gelernt. Den F2 Strato hatte ich selbst geshaped, Boards wie der Comet, Sunset, Starlit, Bullit, Point Rainbow waren von mir designt worden. Nun juckte es mich wieder in den Fingern: In Lajares fanden wir ein großes Haus, direkt an der Hauptstrasse. Eigentlich viel zu groß für eine Werkstatt, aber die Immobilie war günstig zu kaufen. Ich verbrachte Monate, nur um alles perfekt einzurichten. Das sollte kein „Chaoten-Schuppen” werden, sondern ein Hightech-Labor wie die Formel-1-Werkstätten, in denen man „vom Boden essen kann”. Glaubt einer nun, einzig und allein ein bekannter Name würde schon ausreichen, um Boards zu verkaufen, der irrt gewaltig. Ich musste bei Null anfangen und die Leute durch handwerkliche Qualität überzeugen. Nach und nach fingen die Locals an, sich Surfboards und Windsurfboards bei mir zu bestellen. Auf Fuerte gab es unter den Majoreros nur eine Hand voll Surfer, die dann die Werkstatt auscheckten und die Boards probierten.Wir lernten die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Einheimischen kennen, die uns oft zu großen Familienfesten einluden. Meist gab es Ziege aus dem Ofen, davor Gazpacho, eine typische Gemüsesuppe. Ab und zu schenkten sie uns Fisch, Thunfisch (Atún) oder Papageienfisch (Vieja). Wir gingen auch selbst viel angeln. Manchmal warf Ute vor dem Haus die Angel aus, wenn wir abends Gäste eingeladen hatten. Ein Majoreo nahm mich einmal mit zum Harpunieren. Das war nun gar nicht meine Welt, zudem ich es vorher noch nie gemacht hatte. Er rüstete mich mit Taucherbrille und Schnorchel aus, dazu bekam einen dicken Bleigürtel und auf gings. Allerdings schluckte ich durch das aufgewühlte Meer reichlich Salzwasser, zu viel Ballast zog mich nach unten und mir wurde so schlecht, dass ich mich durch den Schnorchel übergab. Dazu drückte mir der Bursche immer seine geschossenen Fische, die er durch die Augen gepiekst auf einen Ring zog, in die Hand. Für mich war an Harpunieren nicht zu denken. Ich schwamm durch die Brandung zum Ufer zurück, kroch an Land wie Robinson Crusoe. Der Typ hatte sich noch einen zweiten Härtetest ausgedacht, wenngleich dieser eigentlich eine Ehre für mich bedeutete. Er wollte mir den „Ultrasecreto Spot“ auf einer kleinen, vorgelagerten Insel zeigen. Dieses Geheimnis war mir aber bis dahin verborgen geblieben. Mit einem kleinen Fischerboot fuhren wir in eine Bucht, von wo aus es barfuß meilenweit über spitzen Lavastein ging, bis wir an die besagte Welle kamen. Dann mussten meine vom feinen Syltsand verwöhnten Füße noch über mit Seeigeln bestücktes Ufer einsteigen. Im Nachhinein betrachtet hätten wir direkt am Spot ankern können … Meine „Rache” hatte ich an einem Tag, an dem mein Expeditionskumpel als Windsurflehrer direkt vor unserem Haus mit einer Gruppe von zehn Anfängern unterwegs war. Er mit Jeansjacke bekleidet, Zigarette im Mundwinkel, im Schlauchboot sitzend, seine Herde von Anfängern mit ihren kleinen Segeln umkreisend. Einmal hat er zu viel Gas gegeben, denn das Boot warf ihn plötzlich in wilder Rodeomanier ins Wasser. Das ergab nun folgendes kurioses Bild: Er, mit nasser Jeansjacke und abgeknickter Zigarette, und eine verschreckte Gruppe auf den Brettern sitzend, werden von einem relativ schnell gleitenden, leeren Schlauchboot umzingelt. Wir lagen auf unserer Terrasse flach vor Lachen. Dann startete er einen zaghaften Versuch, ein Board als eine Art Bremsklotz zu benutzen. Nach einer halben Stunde hatte er es irgendwie geschafft. Rein ins Boot, Vollgas und die kleine arme Welle, die ahnungslos am Ende der Bucht dahinschlapperte, musste dran glauben und wurde bis zum letzten harten Turn auseinander gerippt. Man darf seine Autorität gegenüber den Schülern schließlich nicht verlieren.
Ähnliches war mir selbst einmal passiert, als ich einige Jahre zuvor zu dieser besagten perfekten Rechtswelle auf die geheime Insel wollte. Ich hatte nur einen Außenborder, Boote waren Mangelware und von unserem Haus über die Steine ins Meer zu schwer zu bewegen. So musste ein F2 Lightning-Windsurfboard daran glauben, es wurde abgesägt und eine Holzplatte als Spiegel für den Motor angeglasst. Die erste Testfahrt endete im Fiasko: Das Brett hatte keine gute Gleitlage, guckte vorn einen Meter aus dem Wasser und saugte sich hinten fest. Als alter Surfer wusste ich natürlich: An die Spitze robben und die Nase belasten. Tatsächlich legte das Teil die Ohren an und ging ab wie Schmidts Katze: Mit bestimmt 80 km/h donnerte ich durch die Bucht von Corralejo, durchs Kappelwasser kräftig durchgeschüttelt und mich krampfhaft an den Rails festhaltend. Umdrehen, um den festgestellten Gashebel zu entriegeln, war einfach nicht drin. So zog ich zur allgemeinen Belustigung meine Runden und wäre der Sprit nicht irgendwann ausgegangen, würde ich wahrscheinlich noch immer die Bucht flitzen. Mit einem aus zwei ausrangierten Windsurfboards konstruierten Katamaran hatte ich dann mehr Glück. Das war das perfekte Transportmittel für meine Surftrips und ich hatte dadurch Hunderte Tagen perfekte Wellen, nur ich und der für meine Gesellschaft Auserwählte. Manchmal war ich auch ganz allein, heute unvorstellbar.
Bretter für solche Zwecke waren damals keine Mangelware, denn F2 richtete ein Test- und Entwicklungscenter ein. Dazu wurde ohne behördliche Genehmigungen ein Privathaus angemietet, mit Shapewerkstatt und Segelmacherei versehen. Dann schaffte man 40 komplette Testboards illegal ins Land. Segelmacher Reinhard Pascher und Hawaii-Shaper Brian Hinde ließen die Nähmaschine rattern beziehungsweise den Elektrohobel aufheulen. Das ging eine überraschend lange Zeit gut, bis eines Tages ein dunkler Typ mit schwarzer Lederjacke, Porsche-Brille und Lederhandschuhen vor der Tür stand. Er wollte sich die Hände nicht schmutzig machen, wenn er eine „dumme“ Frage von einem F2-Mitarbeiter mit einem Schlag ins Gesicht so „kräftig beantwortete“, dass der Betroffene, auf dem Rücken liegend, über den Kachelboden wegschlitterte. Natürlich wollte auch keiner mit ihm diskutieren, schon gar nicht angesichts der schwer bewaffneten Uniformierten im Hintergrund. Es waren die letzten Überbleibsel des Francoregimes. Der Laden wurde dicht gemacht, das Material konfisziert.
Ein anderes Mal gab der Dorfpolizist einen Warnschuss ab, als ein Italiener in der kleinen Corralejo-Bucht durch den Badestrand windsurfte. Ja, die Zeiten waren damals hart an der Küste. Diese Autorität hätte ich mir als Rettungsschwimmer an der Buhne 16 in Kampen auch gewünscht. Dafür gab es zu dieser Zeit kaum Diebstähle im Gegensatz zu heute, wo zahlreiche Mietwagen aufgeknackt werden. 1998 eröffneten wir unseren Shop in Lajares. Das Board-Geschäft lief sehr gut und was lag näher als auch eine gute Ausstellungsfläche zu schaffen und das ganz bewusst nicht im Touricenter Corralejo. In Lajares sondierte sich die Spreu vom Weizen, wir wollten den Shop für Surfer und Windsurfer und eine individuelle Beratung. Ute und Sonni macht die Arbeit im Shop sehr viel Freude. Surfer haben immer viel von ihren Reiseabenteuern zu erzählen und es wird nie langweilig. Heute haben wir fast immer einen Stock von 100 Surfboards, eine eigene Klamottenlinie und führen auch sämtliche Hardware, die zum Windsurfen und Surfen gebraucht wird. Wir haben relativ kurze Öffnungszeiten, um noch genug Zeit für unsere eigenen, fast täglichen Surfsessions zu haben. Da wir das Glück haben, direkt am Meer zu wohnen, merke ich meist nachts schon an den Wellengeräuschen, wo wir am nächsten Tag surfen können. Mittlerweile habe ich in meinen Töchtern gute Surfkumpels. Bitsy, 26, Sonni, 23, und Janni, 14, sind alle gute Surferinnen. Die beiden Älteren waren sogar Rettungsschwimmerinnen an „meinem alten Strand”, der Buhne 16 in Kampen. Heute, nach zig Brettern, gehe ich immer noch gern in meinen Shaperaum. In einem Garten mit viel Grün und Blumen habe ich meine Werkstatt installiert. Im Gegensatz zu früher schaltet sich bei mir heute der „Autopilot” ein. Ich muss nicht mehr großartig nachdenken, wie ich zu der Endform gelange. Hast du genug Erfahrung nach Jahrzehnten im Shaperaum, verbindest du fast schon instinktiv die richtigen Komponenten, um zum „magischen” Board zu gelangen. Ich klebe die Sandwichplatten noch unter Vakuum auf und mache später meist ein Airbrushdesign, Lamination und Lackierung überlasse ich meinem Mitarbeiter Jens.
In der isolierten Abgeschiedenheit der Shapekabine bleibt dir auch jede Menge Zeit für Gedanken. Es ist viel geschehen auf Fuerte Nord. Überall werden Wohnanlagen aus dem Boden gestampft. Warum bleibt man damit nicht im Zentrum? Auch wenn alles flach gehalten und relativ schön angelegt wird, es zerstört doch ein Kapital der Insel, nämlich die unberührte Wüstenlandschaft. Natürlich ist es auch auf dem Wasser voller geworden: Festlandspanier und Südamerikaner sind in Massen gekommen. Surfer aus allen Teilen Europas runden das Bild ab. Manchmal fehlt der Respekt untereinander, die Stimmung ist aggressiver geworden. Es gibt unendlich viele Surfschulen, die die Mengen an die Strände karren. Erfahrene, alteingesessene Schulen weichen sinnvoller Weise auf Strände aus, die weniger frequentiert werden. Andere wiederum schicken ihre Leute mit den BICs tatsächlich in die Peaks, die eigentlich den erfahrenen Surfern vorbehalten sein sollten. Die Surfanfänger beherrschen ihr Material nicht, fahren sich und andere über den Haufen ohne jede Kenntnis von Verhaltensregeln. Mit der Anzahl der Surfer und Windsurfer steigt natürlich auch der Umfang der lokalen Surfindustrie. Wir haben jetzt unseren eigenen Surfclub, „Mar Azul”, in dem mich die Locals zum Vizepräsidenten ernannt haben. Ab und zu richten wir kleinere, lokale Contests aus.
Zumindest haben wir Surfer jetzt eine Lobby und können versuchen, bei eventuellen Baumaßnahmen am Strand Schlimmeres abzuwehren. Große kommerzielle Wettbewerbe sind nicht besonders erwünscht. Vielleicht ein wirklich großer, damit die Gemeinde glücklich ist, dann soll aber für den Rest des Jahres möglichst Ruhe sein. Das Problem ist, wie negative Beispiele in Biarritz, Portugal oder auf Hawaii zeigen, dass man die Anzahl der Contests kaum kontrollieren kann. Jedes Wochenende ist irgendeine Werbeveranstaltung, die bezahlten Pros zeigen ihr Können. Der Endverbraucher, also der normale Surfer, kann die Produkte entsprechender Firmen konsumieren. Selbst surfen ist nicht erwünscht, dafür sorgen schon die bezahlten Security-Guards, die das Wasser „sauber” halten. Da bleibt vielleicht noch ein bisschen Johlen, wenn ein mit Aufklebern behängter Pro durch die Tube brettert. Relaxtes Surfambiente wird dadurch zerstört.
Wenn sich auch vieles verändert hat, leben wir immer noch sehr gern auf Fuerteventura. Unsere jetzigen Nachbarn sind auf linker Seite Oskar, den wir schon ewig kennen und der eines der ersten Restaurants hatte, genauso wie Wasi vom ersten Supermarkt, die zu unserer Rechten wohnt. Durch sie werden wir täglich an das „alte” Corralejo erinnert. Auch der Sylter Don Quadrado verbringt einen Teil des Jahres in Lajares, der Kreis schließt sich wieder.
Posted: Januar 1st, 2005 under WINDSURF, SURF, BERICHTE.
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Fuerteventura - Geschichte
Fuerteventura ist nach Teneriffa die zweitgrößte Insel des kanarischen Archipels, das sieben Hauptinseln umfasst. Sie liegt 15 Kilometer südlich von Lanzarote und ist weniger als 100 Kilometer von der afrikanischen Küste entfernt. Die Insel bietet eine einsame, karge und wüstenähnliche Landschaft. Sie misst an ihrer längsten Stelle 101 Kilometer und an der breitesten 31 Kilometer. Der „Istmo de la Pared“ ist mit fünf Kilometer Breite die schmalste Stelle Fuerteventuras und gliedert die Insel in zwei Teile: In den nördlichen Teil Maxorata, nach dem auch die ursprünglichen Inselbewohner, die Majoreros, benannt sind, und den südlichen der Halbinsel, Jandía. Die Inselfläche von 1.700 Quadratkilometern ist mit etwa 50.000 Einwohnern im Vergleich zu den anderen Kanarischen Inseln nur sehr dünn besiedelt. Die höchste Erhebung auf der Insel ist der der Berg Jandía auf der gleichnamigen Halbinsel mit 807 Metern. Die Hauptstadt Fuerteventuras ist Puerto del Rosario und hat 24.000 Einwohner. Die Landessprache ist spanisch, die Konfession der Menschen römisch-katholisch. Fuerteventura gehört mit Lanzarote und Gran Canaria zur Provinz Gran Canaria. Die Kanaren gehören zum Hoheitsgebiet Spaniens, genießen aber einen Sonderstatus als autonome Region mit eigenem Parlament und Präsidenten. Fuerteventura ist die älteste Insel der Kanaren. Sie entstand vor etwa 20 Millionen Jahren und ist vulkanischen Ursprungs. Der Großteil der Inselmasse entstand vor circa fünf Millionen Jahren und ist seitdem durch Wind und Wetter stark erodiert. Die letzten vulkanischen Aktivitäten auf Fuerteventura erloschen vor 4.000 Jahren. Fuerteventura liegt auf dem 28. Grad nördlicher Breite und zwischen dem 13. und 14. Grad westlicher Länge. Das Klima ist das ganze Jahr über angenehm, was den Kanarischen Inseln den Beinamen „Inseln des ewigen Frühlings“ eingebracht hat. Das Meer gleicht die Temperaturen aus und die Passatwinde halten die heißen Luftmassen aus der nahen Sahara fern. Fuerteventura ist mit 147 Millimeter pro Jahr im Kanarenvergleich sehr niederschlagsarm. Durch die Sünden der Vergangenheit wirkt sich dies in jüngster Zeit besonders auf die Landwirtschaft aus. Die teilweise sehr starken Regenfälle in den Wintermonaten fließen, durch die zerstörte Vegetation zumeist ungenutzt, in das Meer ab. Ein besonderes Wetterphänomen ist der Schirokko, in Spanien Leveche genannt, ein heißer Südostwind aus der Sahara. Während des Schirokkos steigt die Temperatur manchmal sprunghaft um zehn Grad und die Luft wird extrem trocken. Der Wind bringt neben feinem Sand, der den Himmel verdunkelt und die Sicht auf 100 bis 200 Meter senkt, auch afrikanische Wanderheuschrecken mit sich. Die Inselbewohner bezeichnen dieses Wetter als „Kalima“.vor etwa 20 Mio. Jahren Tektonische Verschiebungen verursachen den Ausbruch mehrerer Vulkane und die Hebung von Sedimentplatten auf dem Meeresgrund: Fuerteventura entsteht dadurch als eine der ersten Kanarischen Inseln.
3000 v. Chr. Vermutlich begann zu jener Zeit von Nordafrika aus die Besiedlung der Kanarischen Inseln in mehreren Wellen, geschichtliche oder archäologische Belege fehlen jedoch bisher.
ab 1100 v. Chr. Phönizische Seefahrer gelangten, wie Funde beweisen, bei ihrer Suche nach Handelsmöglichkeiten auch auf die Kanarischen Inseln.
500-200 v. Chr. Eine neue Welle von Einwanderern aus Nordafrika erreichte die Inseln, fand hier aber bereits die Königreiche der Altkanarier vor.
1. Jh. n. Chr. Der Geschichtsschreiber Plinius d. Ä. (23-79) erwähnt in seiner „Naturalis historia“ eine gescheiterte Expedition des mauretanischen Königs, Juba II., auf die Kanarischen Inseln, die der Erforschung und Ausbeutung des Archipels dienen sollte. Auch Ovid (43 v. Chr.-17 n. Chr.) rühmt in seinen „Metamorphosen“ den ewigen Frühling, der dort herrschen sollte, und auf der Weltkarte von Ptolemäus (100-160) sind „El Hierro“ und „Canaria“ (für Gran Canaria) eingetragen. Dennoch geraten die Inseln lange Zeit in Vergessenheit, denn die Römer sind nach der Zerstörung Karthagos ganz mit der Erhaltung ihrer Macht im Mittelmeerraum beschäftigt.
13.-15. Jh. Auf Fuerteventura bestehen zwei Königreiche: das größere, Maxorata, im Norden und das kleinere, Jandía, im Süden. An der so genannten Wespentaille, dem Istmo de la Pared, soll eine Mauer die beiden Reiche voneinander getrennt haben.
1312 Der Genueser Seefahrer Lancelotto Malocello landet auf der Nachbarinsel Lanzarote und bleibt dort bis 1330. In dieser Zeit verbreitet sich erneut die Kunde von der Existenz der vergessenen Inseln.
1344 Papst Clemens VI. erklärt sich zum Herrscher aller unentdeckten Länder und ernennt den spanischen Edelmann Luís de la Cerda zum König der Kanaren. Dieser setzt allerdings niemals einen Fuß in sein Reich und gibt die Inseln dem Papst zurück, da ihm ein zu hoher Tribut dafür abverlangt wird. Anschließend fällt der kanarische Archipel durch eine Erbschaft an Heinrich III. von Kastilien.
1430 Der spanische Adelige Juan de las Casas erwirbt die Insel Fuerteventura.
1456 Diego García de Herrera, ein Erbe von Juan de las Casas und dem Marschall von Kastilien, nimmt nach El Hierro und La Gomera auch Lanzarote und Fuerteventura als Lehen an.
ab Mitte des 15. Jh. Fuerteventura entwickelt sich zur Kornkammer der Kanaren. Von wirtschaftlicher Bedeutung sind außerdem der Anbau von Hülsenfrüchten und die Ziegenzucht für den Export von Fleisch. Auch die bereits von den Altkanariern genutzte Orchilla-Flechte, in Europa zum Färben von Textilien hochbegehrt, ist ein wahrer Exportschlager. Von Fuerteventura aus geht der Lehnsherr Herrera im benachbarten Nordafrika auf Sklavenfang. Der Sklavenhandel blüht, denn auf den Zuckerrohrplantagen und Getreidefeldern der östlichen Inseln werden billige Arbeitskräfte benötigt.
1496 Teneriffa wird als letzte der Kanarischen Inseln von Spanien eingenommen. Die Besiedlung der Inseln durch Soldaten sowie durch Zuwanderer aus Portugal und Spanien setzt ein.
1514 Die Bewohner der Kanaren erhalten spanisches Bürgerrecht.
1593 Seeräuber aus Nordafrika dringen ins Landesinnere bis nach Betancuria vor, zerstören die Stadt und verschleppen viele der Inselbewohner als Sklaven.
17. Jh. Durch die ständigen Piratenüberfälle verlieren die Einwohner den Mut, ihr Land zu bestellen. Als dann durch regenarme Jahre Dürre und Hungersnöte ausgelöst werden, setzt eine massenhafte Auswanderung ein: Von den etwa 3.000 Bewohnern bleiben weniger als 1.000 zurück. Die Bauern leiden unter der hohen Besteuerung ihrer Getreideexporte (20 Prozent) durch die Lehnsherren und die rücksichtslose Abholzung macht sich inzwischen in der Austrocknung und Erosion des Bodens bemerkbar.
1740 Britische Korsaren überfallen die Insel, sie können jedoch bei Tuineje, südlich der alten Hauptstadt Betancuria, zurückgeschlagen werden. Zur Überwachung der Küsten werden die Festungstürme von El Cotillo und Caleta de Fustes errichtet.
1808 Großbauern und Händler versuchen erfolglos, sich von der Feudalherrschaft zu befreien. Der wie ein Feudalherr regierende Oberst in La Oliva kann die Wirren sogar für sich nutzen, um seine wirtschaftliche Macht noch stärker auszubauen.
1834 Antigua wird nach Betancuria neue Hauptstadt Fuerteventuras.
1835 Aufgrund des regen Schiffverkehrs in die Neue Welt wächst die Bedeutung der kanarischen Hafenstädte als Zwischenstation stetig. Fuerteventuras Hafen Puerto de Cabras, heute Puerto del Rosario, avanciert zum Verwaltungssitz der Inselregierung.
1836 Die Feudalherrschaft wird abgeschafft.
Mitte des 19. Jh. Blühender Handel mit dem roten Koschenille-Farbstoff, der sich aus der auf Opuntien gezüchteten Schildlaus-Larve gewinnen lässt.
1852 Königin Isabella II. von Spanien erklärt die Kanarischen Inseln zur Freihandelszone, um die dortige Wirtschaft zu beleben.
um 1900 Zur Bewässerung der Felder werden die ersten Windräder zum Hochpumpen des Grundwassers errichtet.
1912 Mit der Einrichtung eines Inselrates, des „Cabildo Insular“, erhält Fuerteventura erste Selbstverwaltungsrechte.
1927 Die Kanaren werden in eine Ost- und eine Westprovinz aufgeteilt. Lanzarote und Fuerteventura bilden zusammen mit Gran Canaria die Ostprovinz gleichen Namens; Provinzhauptstadt ist Las Palmas de Gran Canaria.
um 1930 Der Anbau von Tomaten in großem Stil setzt sich durch.
1936 Beginn des Spanischen Bürgerkrieges. Auf Fuerteventura übernehmen Franco-Anhänger ohne Widerstand die Kontrolle über die Insel, die dadurch von militärischen Auseinandersetzungen verschont bleibt.
1939 Der Spanische Bürgerkrieg ist zu Ende.
1940 Fördermaßnahmen aus Madrid sollen Fuerteventuras Landwirtschaft wieder auf die Beine stellen: Die Wasserversorgung wird durch den Bau von Talsperren besser reguliert, der Anbau von Sisal-Agaven zur Herstellung von Garn und Gewebe eingeführt und das Trockenfeldbau-Verfahren verbessert.
1956 Offizielle Umbenennung von Puerto de Cabras („Ziegenhafen“) in Puerto del Rosario.
1966 Eröffnung des ersten Ferienhotels „Casa Atlántica“ (1999 abgerissen) am großen Sandstrand der im Süden gelegenen Halbinsel Jandía.
1975 Trotz Proteste aus der Bevölkerung wird eine Einheit der Fremdenlegion aus der Kolonie Spanisch-Sahara nach Fuerteventura verlegt.
1977 Die Legionäre führen ein Schreckensregiment: Ermordung des Inselpräsidenten und eines Bürgermeisters.
1982 Die Kanarischen Inseln erhalten einen weitgehenden Autonomie-Status. Der Naturpark von Corralejo wird eingerichtet.
1986 Beitritt Spaniens zur Europäischen Gemeinschaft. Die Kanarischen Inseln verweigern zunächst ihren Anschluss, da sie wirtschaftliche Nachteile befürchten.
1990 Der Tourismus avanciert zum wichtigsten Wirtschaftszweig, Höhepunkt der Bautätigkeit.
1991 Man beschließt, die Bettenzahlen bis zum Jahr 2000 auf 65.000 zu beschränken. Das Straßennetz wird ausgebaut.
1992 Die Kanaren treten der EU als Vollmitglied bei, bleiben jedoch Freihandelszone (keine Mehrwertsteuer auf Produkte). Es gelten auch weiterhin die Zollbestimmungen für Nicht-EU-Länder.
1995 Alle Strände in den touristischen Zonen erhalten für ihre Sauberkeit und gute Infrastruktur die Auszeichnung der blauen Europa-Flagge.
1996 Mehr als 900.000 Touristen besuchen Fuerteventura, davon über 60 Prozent aus Deutschland.
1996/97 Verlegung der spanischen Fremdenlegion von Puerto del Rosario auf das spanische Festland.
2001 Furcht vor Trinkwasserknappheit und überfüllten Stränden veranlasst die kanarische Regierung, ein Gesetz zur Reglementierung des Tourismus’ vorzubereiten. Im Januar wird ein vorübergehender Baustopp für Hotels erlassen, wogegen zahlreiche Unternehmer und auch der Bürgermeister von La Oliva, Domingo G. Arroyo, protestieren. Er befürchtet sinkende Einnahmen und steigende Arbeitslosigkeit. 2003 Besucher-Rekord auf Fuerteventura. Mehr als 1,5 Millionen Touristen, davon 1,3 Millionen ausländische Urlauber, haben 2004 die Insel besucht. Fuerteventura gilt vor allem während der Wintermonate als eines der wichtigsten Urlaubsziele in Spanien. Der Anteil der deutschen Urlauber hat seit 1996 von 63 Prozent auf gut 50 Prozent abgenommen. Dafür hat im gleichen Zeitraum der Anteil englischer Urlauber um mehr als 50 Prozent auf nun insgesamt 31 Prozent aller Urlauber Fuerteventuras zugenommen.
Posted: Januar 1st, 2005 under REISE, BERICHTE.
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Fuerteventura – Wüsteneiland mit perfekten Stränden und viel Wind
Lage
Fuerteventura ist eine der sieben Hauptinseln der Kanaren und liegt im Atlantischen Ozean, ungefähr 100 Kilometer westlich vor der Küste Marokkos. Die zweitgrößte Insel des Archipels bildet mit der weiter nördlich gelegenen Insel Lanzarote die östliche Grenze der Kanaren. Auf einer Fläche von 1722 Quadratkilometern leben ca. 69.000 Einwohner, wobei die größte Bevölkerungsdichte in Fuerteventuras Hauptstadt, Puerto del Rosario, zu finden ist, in der 24.000 Einwohner wohnen. Die kanarischen Inseln zählen zum Hoheitsgebiet Spaniens, jedoch wird ihnen ein Sonderstatus als autonome Region mit eigenem Parlament und Präsidenten zugestanden. Fuerteventura gehört mit den Inseln Lanzarote und Gran Canaria zu der Provinz Gran Canaria. Die Amtssprache der Kanaren ist Spanisch.
Geografie
Fuerteventura entstand vor etwa 20 Millionen Jahren und ist die älteste kanarische Insel. Ihr vulkanischer Ursprung verleiht Fuerteventura einen herben Reiz, wobei die letzten vulkanischen Aktivitäten vor 4000 bis 5000 Jahren erloschen sind. Der größte Teil der Inselmasse entstand vor etwa fünf Millionen Jahren und ist seitdem durch Erosion stark verändert worden. Die Insel misst zwischen Nord- und Südspitze knapp 100 Kilometer, an ihrer breitesten Stelle 31 Kilometer. Die schmalste Stelle, Istmo de la Pared mit fünf Kilometern Breite, teilt die Insel in einen nördlichen Teil, Maxorata, und eine südliche Halbinsel, Jandia. Die nördliche Halbinsel ist Namensgeber für die ursprünglichen Inselbewohner, die Majoreros. Der Berg Jandia ist mit 807 Metern der höchste Punkt Fuerteventuras und befindet sich auf der gleichnamigen Halbinsel.
Klima
Das über das gesamte Jahr sehr angenehme Klima brachte den Kanaren den Beinamen „Inseln des ewigen Frühlings“ ein. Die Temperaturen werden durch das Meer ausgeglichen und die heißen Luftmassen aus der Sahara durch die Passatwinde ferngehalten, sodass stets mittlere Temperaturen um 20 °C herrschen. Die ausgeglichensten Urlaubsmonate sind von März bis Juli. Die Wassertemperatur von 22 °C im Sommer nimmt im Winter auf knapp 19 °C ab. Fuerteventura ist mit 147 mm Niederschlag pro Jahr im Kanarenvergleich sehr niederschlagsarm. In den Wintermonaten kommt es teilweise zu stärkeren Regenfällen, die von der zerstörten Vegetation nicht genutzt werden können und ins Meer abfließen. Der Schirokko, ein heißer Südostwind aus der Sahara, ist ein besonderes Wetterphänomen, das die Temperatur manchmal sprunghaft um zehn Grad Celsius ansteigen lässt, die Luft wird extrem trocken. Der Wind trägt feinen Sand mit sich, der den Himmel so verdunkelt, dass die Sicht nur noch 100 bis 200 Meter beträgt. Die Inselbewohner nennen dieses Wetter „Kalima“. Fuerteventura steht das ganze Jahr im Wind und ist somit ein Paradies für Windsurfer und Kiter. Der Nordostpassat sorgt im Sommer zuverlässig für gute Surfbedingungen an den Playas de Corralejo und der Halbinsel Jandia, in den stürmischeren Wintermonaten kommen insbesondere die Profis an den Playas de Sotavento auf ihre Kosten. Aufgrund des Windes spürt man die starke Sonneneinstrahlung erst, wenn man den Sonnenbrand schon hat, also immer schön eincremen. Wirtschaft Mit ihrem Eroberungszug auf Fuerteventura brachten die Spanier die Landwirtschaft mit. Sie wurde jahrhundertelang so erfolgreich betrieben, dass Fuerteventura den ganzen Archipel mit Getreide versorgen konnte. Doch durch die fortschreitende Zerstörung der Vegetation durch Rodung und Überweidung wurde das Oberflächenwasser rar und der größte Teil der Regenmengen sickerte nicht mehr in den Boden, sondern floss ins Meer. Als Alternative für die Bewässerung mit Regenwasser begannen die Bauern im 19. Jahrhundert mit der Brunnenbewässerung, die den Wasserbedarf nicht decken konnte. Das starke Absinken des Grundwasserspiegels führte außerdem zum Einsickern von Salzwasser, was das Grundwasser für den Anbau unbrauchbar machte. Doch auch durch neu gebaute Meerwasserentsalzungsanlagen blieb Wasser bis heute ein knappes Gut auf Fuerteventura. Diese Umstände führten dazu, dass die Landwirtschaft auf Fuerteventura immer mehr in den Hintergrund rückte. Die landwirtschaftlich nutzbare Fläche Fuerteventuras ist von 3,5 Prozent der Inselfläche in 1970 auf nur noch 0,1 Prozent in 2002 drastisch zurückgegangen. Durch überdurchschnittlich hohe Kosten für Anlagen, die vor Sonne und Wind schützen, und
durch die aufwendige Bewässerung ist der Anbau auf der einstigen „Kornkammer der Kanaren” inzwischen als unwirtschaftlich einzuschätzen. Naturschützer führen die sich verschärfenden Probleme von Erosion und Wassermangel weiterhin auf die anhaltende Zerstörung der Vegetation durch freilaufende Ziegen zurück. Nach Schätzungen laufen bis zu 75.000 Nutztiere ohne Einzäunung auf der Insel umher und grasen sogar die unter Naturschutz stehenden Dünen von Corralejo ab. Um dies zu verhindern, wurden ab 1982 mehrere Naturparks eingerichtet, die durch größere Einzäunungen versuchen, die bedrohten Areale nicht nur vor den freilaufenden Ziegen sondern auch vor Touristen zu schützen. Wer mit einem Geländefahrzeug die Naturparks befährt, dem drohen empfindliche Geldstrafen. Der Tourismus ist mittlerweile wichtigster Wirtschaftszweig und Arbeitgeber. Seit den achtziger Jahren explodierte die Anzahl der Gästebetten auf heute etwa 60.000. Im Jahr 2000 kamen rund 1,2 Millionen Touristen auf die Insel, die Hälfte davon waren Deutsche.
Sehenswürdigkeiten
Die schönsten Strände der Kanaren sind die auf Fuerteventura. Im Norden um Corralejo locken ausgedehnte Dünen mit feinem Sand. Im Süden finden sich lange Strände und abgelegene Buchten. Konstanten Wind finden Wind- und Kitesurfer im Norden bei Corralejo und an der Ostküste, besonders zwischen der Costa Calma und Jandia. Hier liegen auch Strandabschnitte, die entweder nur für Kite- oder Windsurfer vorgesehen sind. Der Westen der Insel besteht hauptsächlich aus Steilküste. Hier treffen Wellenreiter aufgrund hoher Wellen auf optimale Bedingungen. Nicht zu unterschätzen sind die starken ablandigen Strömungen an der Westküste, die jedes Jahr unbedachten Schwimmern das Leben kosten. Um die raue und kahle Landschaft der Berge zu erkunden, lohnt es, sich einen Mietwagen zu nehmen. Sie besitzt ihren ganz eigenen Charme und ist wahrscheinlich die heimliche Attraktion der Insel.
Spanische Essgewohnheiten
Zum Frühstück treffen sich die Einheimischen in der nächsten Bar, um einen Café zu trinken, der ähnlich einem Espresso ist und häufig in einem kleinen Glas serviert wird. Mit ein wenig Milchschaum oben drauf wird er zum Café cortado, mit einem Schuss Cognac zu einem Carajillo. Zum Kaffee bestellt man süßes Gebäck oder ein Sandwich. Mittags und abends bieten Restaurants aller Kategorien mehrgängige Menüs an. Zur Mittagszeit immer gut besucht sind vor allem die Tapas-Bars. Hier gibt es alles in winzigen Portionen (Tapas), als „Media Ración“, halbe Portion, oder als „Ración“ auf einem großen Teller. Die riesige Auswahl reicht von spanischen Tortillas über sauer eingelegte Sardinen (Boquerones), Tintenfischsalat (Ensalada de Pulpos) oder den so genannten Russischen Salat (Ensalada rusa) mit Wurzelgemüse, Erbsen, Eiern und Kartoffeln.
Posted: Januar 1st, 2005 under REISE, BERICHTE.
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Fuerte People: Patrick Kohl
1. Dein Name / Alter / Herkunftsland!
2. Wie lange bist du schon hier und wie lange willst du noch bleiben?
3. Was tust du hier beruflich?
4. Kreuze an: O Surfer O Windsurfer O Kitesurfer O T-Shirt-Surfer
5. Was tust du als Erstes nach einer Surfsession?
6. Welcher ist dein Lieblingsspot?
7. Welches ist dein Lieblingsrestaurant?
8. Was vermisst du an deiner Heimat am meisten?
9. Wieso lebst du gerade hier (in einem Satz!)?
10. Was stört dich an Fuerte am meisten?
11. Beschreibe Fuerte mit drei Worten!
1. Patrick Kohl/ 21 / Deutschland.
2. Mittlerweile lebe ich seit zwei Monaten in Corralejo.
3. Ich arbeite in einem kleine Szenecafé in der Hauptstraße von Corralejo: Secreto Energy Ice.
4. Surfer und Windsurfer
5. Ich setze mich an den Strand, genieße und rekapituliere meinen Surftag – wahrscheinlich, weil ich zu erschöpft bin, um mich anderweitig zu betätigen.
6. Fuerte bietet eine Menge pathetischer Spots mit tollen Buchten, Wellen, sauberen Stränden, klarem Wasser, die so im europäischen Raum, wenn man die Kanaren dazuzählen darf, kaum zu finden sind. Es gibt viele traumhafte Plätze, die beste Bedingungen zum Surfen bieten, da fällt es mir schwer, einen herauszugreifen. Einer meiner Lieblingsspots ist auf jeden Fall „punte de mujer“ – das ist aber mehr eine persönliche Geschichte.
7. Es ist gar nicht so einfach, hier eine gute, alttypisch-kanarische Küche zu finden – ich bin noch auf der Suche. Und eigentlich stehe ich mehr darauf, mit Freunden irgendwo an den Strand zu fahren und zu grillen oder in meinem „piso“ mit ihnen zu köcheln.
8. Ganz klar, meine Familie und meine Freunde, sie sind einfach superwichtig für mich und bieten mir den nötigen Rückhalt – schöne Grüsse von hier an dieser Stelle!
9. Ich hatte mal wieder Glück!
10. Das sich die Insel so vom Tourismus lenken lässt und immer noch mehr Hotelanlagen aus der Erde gestampft werden. Meiner Meinung nach wäre es wichtig, dass besonders in den Gebieten, die nach Tourismus schreien, eine gewisse Authenzität erhalten bleibt.
11. Dekadent – steinig – und auf keinen Fall langweilig!!!
Posted: Januar 1st, 2005 under WINDSURF, SURF, BERICHTE.
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Fuerte People: Nicole Boronat
1. Dein Name / Alter / Herkunftsland!
2. Wie lange bist du schon hier und wie lange willst du noch bleiben?
3. Was tust du hier beruflich?
4. Kreuze an: O Surfer O Windsurfer O Kitesurfer O T-Shirt-Surfer
5. Was tust du als Erstes nach einer Surfsession? 6. Welcher ist dein Lieblingsspot?
7. Welches ist dein Lieblingsrestaurant? 8. Was vermisst du an deiner Heimat am meisten?
9. Wieso lebst du gerade hier (in einem Satz!)?
10. Was stört dich an Fuerte am meisten?
11. Beschreibe Fuerte mit drei Worten!
1. Nicole Boronat, 42, Paris. Meine Eltern kommen jedoch eigentlich aus Spanien. Während des Bürgerkrieges sind sie nach Algerien geflohen, was damals eine französische Kolonie war. Nach der Unabhängigkeit Algeriens sind meine Eltern nach Paris gezogen, wo ich geboren wurde.
2. Ich lebe, zusammen mit Stephane, seit vier Jahren auf Fuerteventura und unser Plan für die Zukunft? Who knows? Fuerteventura ist für uns der perfekte Ort in Europa. Far enough – but still close!
3. Auch ich habe Glück mit meinen Windsurfsponsoren (Tabou, Guns Sails, Fuertwagen, Secreto Enery, Rip Curl)! Und wir haben zwei Appartements, die wir vermieten.
4. Ich windsurfe und surfe. Kiten habe ich ausprobiert und festgestellt, dass es nichts für mich ist.
5. Nach einem perfekten Windsurftag gehen wir oft noch mit Freunden einen Kaffee trinken oder Secreto Energy Eis essen, um wieder zu Kräften zu kommen! Nach einem perfekten Surftag bleiben wir oft noch gemeinsam am Wasser und genießen das Ambiente.
6. Fürs Windsurfen: Machanicho und La Caletta. Wenn die Spots funktionieren, ist es selbst bei großen Wellen einfach und nicht zu gefährlich. Beim Surfen hängt es absolut von den Bedingungen ab. Da muss man einfach rumfahren und schauen.
7. Ich mag das „El Horno“ in Villaverde.
8. An Paris vermisse ich eigentlich nur meine Familie. Viele unserer Freunde leben noch in Tarifa und deshalb vermissen wir wohl eher diesen Ort.
9. Die Kanaren haben einen gewissen afrikanischen Einfluss, aber ansonsten politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich stabile Verhältnisse.
10. Der massive Tourismus, wie er in den letzten beiden Jahren hier aufgebaut wurde, tötet die kulturelle Vergangenheit Fuerteventuras. Die Insel braucht zwar den Tourismus, aber nicht in dieser Form. Es ist eine Schande, dass die Verantwortlichen nicht aus den Fehlern gelernt haben, die sie auf Gran Canaria oder im Süden von Teneriffa bereits begangen haben. Es geht diesen Menschen nur ums Geld und nicht um die Insel. Auf Tarifa wurde mit diesem Massentourismus schon vor Jahren begonnen. Das war mit einer der Gründe, warum wir es verlassen haben.
11. Trocken – spirituell – wunderschönes Licht.
Posted: Januar 1st, 2005 under WINDSURF, SURF, BERICHTE.
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Fuerte People:Stephane Etienne
1. Dein Name / Alter / Herkunftsland!
2. Wie lang bist du schon hier und wie lange willst du noch bleiben?
3. Was tust du hier beruflich?
4. Kreuze an: O Surfer O Windsurfer O Kitesurfer O T-Shirt-Surfer
5. Was tust du als Erstes nach einer Surfsession?
6. Welcher ist dein Lieblingsspot? 7. Welches ist dein Lieblingsrestaurant?
8. Was vermisst du an deiner Heimat am meisten?
9. Wieso lebst du gerade hier (in einem Satz!)?
10. Was stört dich an Fuerte am meisten?
11. Beschreibe Fuerte mit drei Worten!
1. Stephane Etienne, 38. Ich bin zwar Franzose und auch in Frankreich geboren, lebte aber die ersten zehn Jahre meines Lebens in Tunesien. Dann ging meine Familie zurück nach Frankreich und mit 20 ging ich mit Nicole nach Tarifa.
2. Vier Jahre lang leben wir nun hier und wie lange wir noch bleiben werden, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es wahrscheinlich der beste Platz zum Leben ist in Europa. 3. Man kann mich wohl immer noch Windsurfprofi nennen und dank meiner Sponsoren komme ich über die Runden (Tabou, Guns Sails, Fuertwagen, Secreto Enery, Rip Curl).
4. Windsurfer, Surfer. Kiten habe ich probiert, aber gleich wieder damit aufgehört. Ich mag es zwar, aber wenn man hier alle drei Sportarten ausübt, wird man irgendwann verrückt. Man weiß nicht, was man zuerst machen soll.
5. Wenn ich einen richtig guten Wellenreittag hatte, bleibe ich am Strand und schaue mir den Sonnenuntergang an. Das ist nichts Rituelles, sondern für mich das perfekte Ende einer tollen Session.
6. Ich kann das überhaupt nicht auf einen Spot begrenzen. Wir richten uns eigentlich immer nach den Bedingungen und fahren dann an den perfekten Spot, ob das nun Glass Beach, Machanicho oder La Caletta ist. Wir mögen alle Spots bei der entsprechenden Wind- und Swellrichtung. Und so ist es auch beim Surfen.
7. „El Horno“ an der Hauptstraße von Villaverde. Nicht nur, dass es gleich bei uns um die Ecke ist, sondern auch das Essen ist wirklich gut und nicht teuer.
8. An Frankreich vermisse ich nichts. Aber ich vermisse unser soziales Umfeld in Tarifa. Die Lebensweise dort ist unheimlich relaxed und angenehm.
9. Für mich ist es das Hawaii Europas: guter Surf, guter Windsurf, gutes Wetter.
10. Die Entwicklung des Tourismus’ ist eine Katastrophe. Wenn man sich mal anguckt, wie sich die kleinen Orte in den letzten zwei, drei Jahren verändert haben, ist das schlimm.
11. Wüste – blaues Wasser – Variety.
Posted: Januar 1st, 2005 under WINDSURF, SURF, BERICHTE.
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Travelfever: Kreta
Trüb und kalt ist es, als das Schiff entlang der einzigartigen Kulisse Venedigs seinen Weg durch die engen Einfahrten in Richtung Hafen steuert. Wehmütig erinnere ich mich zurück an die Erlebnisse der letzten zwei Monate in Ostkreta, während ich nach meiner Haube suche. Alles erscheint fremd zu Hause, die ersten Tage wanke ich vom Bett ins Bad, dann zum Kühlschrank und wieder zurück ins Bett, komme mit der Hektik überhaupt nicht klar, bin in Gedanken ganz woanders. Wochen vergehen, immer seltener denke ich zurück an das Geschehene. Ich ertappe mich dabei, wie ich am ersten Tag an der Uni ständig mit meinem Bleistift Spock 540s auf eine Seite meines Blocks mit der Überschrift „Algorithmen, Datenstrukturen und Programmieren“ zirkle. Eine Stunde und viele durchgeglittene Spocks später verlasse ich mit einem für meine Umgebung unverständlich erscheinenden Lächeln den Hörsaal …Endlich damit abgefunden, dass der Sommer schon wieder um ist, klingelt mein Telefon: „Dere Hawi“ (österr. für Haberer = Freund), höre ich nur und das Lächeln ist wieder da, die Erinnerungen blitzen wieder auf und trotz der zwölf Grad, die es gerade hat, fühle ich mich plötzlich wohlig warm. Es ist Costas, der Besitzer eines kleinen Minimarkets in Palekastro, der seine einzige „deutsche“ Redewendung ins Handy schreit. Dann meint er: „It is fucking hot here, is everything all right in cold Austria? When do you come back, I miss our conversations about what is important in life, and talking about girls, drinking Raki (griechischer Schnaps, der immer und überall getrunken werden muss) and making party.“
Und schon ist es wieder da, das Fernweh, das jeden Reisenden früher oder später packt. Doch wünschen sich wirklich alle sowie Costas, dass wir aufs Neue das kleine Fischerdorf besuchen, oder gibt es auch einige, die uns nicht vermissen würden oder die uns einfach als wandelnde Geldscheine sehen und hoffen, dass wir Geld in die ärmliche Region bringen?
Es ist schon seltsam, wie man als Windsurfer ständig von diesem Fernweh geplagt durch die Gegend rennt. Oft liegt das Gute doch so nah, nur sehen wir es nicht. Gelangweilt von unserer gewohnten Umgebung, unserem Homespot und unseren Freunde, die wir schon seit dem Kindergarten kennen, kehren wir Jahr für Jahr unserer Heimat den Rücken zu. Viele von uns wissen gar nicht mehr, wie es zu bestimmten Jahreszeiten zu Hause aussieht.
Immer bessere Spots, neue Moves, türkisfarbenes Wasser und ständig Wind, wer träumt nicht davon? Doch übersehen wir durch diese Fixiertheit nicht das Wesentliche am Reisen? „Man reist nicht nur, um anzukommen, sondern vor allem, um unterwegs zu sein“, soll ein Goethe gesagt haben.
Seid doch mal ehrlich, obwohl die meisten, die mit hunderten Kilos von Surfmaterial durch die Welt ziehen, sehr weltoffen scheinen, machen sich doch die wenigsten von uns Gedanken über die Locals, ihre Lebensweise, die Sprache, die Religion und die Besonderheiten und Gepflogenheiten anderer Kulturen.
Und dann das mit der FREIHEIT, die wir ständig suchen, wo findest du sie?
Auf einem bestimmten Strand, im Wasser, wenn du alleine bist mit Wind und Wellen, oder doch nur im Kopf? „Die wahren Abenteuer sind im Kopf, in deinem Kopf und sind sie nicht in deinem Kopf, dann sind sie nirgendwo (Andre Heller).“ In den Köpfen der Kreter, die über 2000 Jahre unterdrückt und fremdbestimmt waren, da findest du sie sicher, die Freiheit. Die Kreter mussten sich ihre Freiheit wirklich erkämpfen und sind noch heute dadurch geprägt: Sie sind zurückhaltend und stolz Fremden gegenüber, aber auch hilfsbereit und liebenswürdig, wenn sie dich als Freund akzeptiert haben. In Ostkreta lernen die Einheimische beide Seiten der nun friedlichen Invasion Kretas kennen. Da kommen Individualtouristen, die Freundschaften, Natur und leere Strände suchen, aber hier liegt auch der berühmte Palmenstrand von Vai, in dem Touristen zu Tausenden mit Bussen für wenige Stunden angekarrt werden, um Fotos zu schießen, zu essen, zu trinken zu lärmen, um dann wieder zu verschwinden. Nicht einmal den Sonnenuntergang hinter den vielen Palmenhainen haben sie gesehen, denn die Partys in den Touristenstädten sind doch viel toller. Ich war da bei Sonnenuntergang, nur mit wenigen Freunden am leeren Strand von Vai; er wärmt mich noch im Dezember! Sowohl Individualtouristen als auch die Massen bringen langsam Geld in den Osten der Insel.
Reise für Reise werde ich jedoch sensibler für viele Kleinigkeiten, die den Unterschied zwischen einem Trip zu einem schönen Fleckchen Erde und einem unvergesslichen Erlebnis ausmachen. Geht man offen und mit Achtung auf die Menschen zu, wird man auch geachtet. Palekastro ist eine 1000-Seelen-Gemeinde, deren Bewohner vom Fischen, Olivenanbau und eben einigen Individualtouristen leben. Die Gemeinde kann mit keinen Windsurf-Locals aufwarten (was sich durch die neue Surfstation ändern wird), ist jedoch äußerst offen gegenüber Leuten, die von weither kommen, um es mit dem starken Meltemi, der in den Augen der Einheimischen störend erscheinen muss, aufzunehmen. Man merkt, dass man sich an einem Platz befindet, an dem die Einheimischen (noch) vorurteilsfrei sind. Der nahe (noch unfertige) Flughafen wartet seit Jahren auf das O.k. der griechischen Regierung, um Tausende Charterflüge in die Region zu schicken. Hotelkomplexe sind geplant, Ferienstädte sollen entstehen. Wen wundert es, dass die Reiseindustrie auf diese unberührten Flecken aufmerksam wird? Doch das ist alles Zukunftsmusik, denn bisher kennt man hier keinen Massentourismus. Weit und breit keine Spielhallen oder sonstige touristische Attraktionen. Die einzige Disko, die es gibt, ist mit den 30 Jugendlichen aus dem Dorf sehr voll. In den Restaurants bekommt man nur griechisches Essen, keine denaturierte Euro-Kost. Die Wege zum Strand sind schmal und steinig. Die Gemeinde stellt den Strand für alle Menschen zur Verfügung, die sich nur an einige Regeln halten sollten: Kein offenes Feuer, Müll in die aufgestellten Behälter, die wöchentlich entleert werden, flüssige Abfälle sollen in die Kläranlage gebracht werden.
Hier haben anscheinend einige aus dem Dorf kapiert, was sanfter Tourismus ist, über den sich bei uns Hunderte so genannter „Tourismusexperten“ schon jahrelang den Kopf zerbrechen.
Und es funktioniert – die Menschen haben wunderschöne, reine Strände und die Bevölkerung verdient an den Urlaubern durch Einkäufe in den Markets, Restaurants und Vermietungen. Der Kontakt zu den Einheimischen ist allerdings schwierig. Sie können kaum Englisch und unser Griechisch – na ja – aber die Kommunikation mit Händen und Füßen funktioniert hervorragend. Mehrere Fußballmatches der Surfer des Strandes gegen die einheimische Fußballmannschaft im Stadion auf Schotter trugen wesentlich zur Freundschaft bei. Eine Schlacht konnten wir für uns entscheiden, was den Locals einen kleinen Dämpfer gab, war Griechenland doch gerade erst Europameister geworden. Bei mehreren Rakis am Abend war aber alles wieder vergessen und es wurde wieder mit Händen und Füßen diskutiert.
Am Dorfplatz sitzen noch, wie aus in Erzählungen unserer Eltern, alle älteren Männer ab den Morgenstunden in den Cafés. Die Frauen bringen ihre Männer sogar nach der Kirche dorthin, um danach nach Hause zu gehen und für ihren Göttergatten zu kochen. Auffällig ist, dass die sehr religiöse, ältere Generation die Religion an die Jugend erfolgreich weitergegeben hat. Man erzählt sich, dass mehr als ein Surfer, der nicht nur auf der Suche nach Surfabenteuern war, enttäuscht von der Hartnäckigkeit der Mädels hier seine Heimreise antreten musste. Beim Läuten der Kirchenglocken sieht man immer wieder Jung und Alt Kreuzzeichen auf die Stirn machen. Am Sonntag ist das ganze Dorf in der Kirche, die meistens das größte Gebäude in den kleinen Dörfern des Ostens ist.
Minimarkets und Cafés öffnen um 9:00 Uhr, um die Surfer, die größtenteils mit Rädern vom Strand kommen, mit den wichtigsten Dingen des Lebens zu versorgen. Es entsteht ein geschäftiges Treiben in den wenigen Gassen des Dorfes, das vor Mittag aber wieder verebbt. Siesta ist angesagt, die Mittagshitze scheinen alle Einheimischen zu verschlafen, wie sonst könnte Groß und Klein jeden Abend bis nach Mitternacht am Dorfplatz sitzen.
Diese zeitlich begrenzte Freiheit, die ich hier zwei Monate erlebte, gibt mir viel Kraft für den Winter und seine Kälte, die mitteleuropäische Hektik und den Druck, dem wir uns alle aussetzen in unserer „Wohlstandsmühle“. Wir hetzen herum, lassen uns mitreißen von den „immer mehr, immer mehr“-Rufen, merken gar nicht mehr, wie gut es uns geht und wundern uns, warum es zu Hause nicht genauso schön ist, wie damals am Kouremenos Beach in Palekastro …
Doch wenn man dann einmal Zeit findet, die Augen schließt, dann kommen sie wieder, die Bilder:
• der Sonnenaufgang beim Felseinstieg am Wavespot, bevor die hohen Wellen keine Zeit mehr lassen, die Sonne zu beobachten
• der Hund, der ein Zuhause suchte und nun als „Franz“ in Wien lebt
• der ansässige Fotograf, der plötzlich am Strand erscheint, um „die mit den Wind und Wellen spielen“ zu fotografieren • die Freudenschreie, die man am Wasser hört, wenn einer der Einheimischen seine erste Wende schafft
• die warmen Abende mit allen Freunden in den Cafés am Dorfplatz
• das Grillgelage bei Tom am Strand
• das Braune, weit draußen vor der Bucht, das sich als Schildkröte entpuppt, die an den Strand kommt, um ihre Eier zu legen
• das strahlende Lächeln der Metzgerin, wenn sie von ihrer letzten Surfstunde in der neuen Surfstation erzählt, während sie zehn Chicken-Suvlaki für uns zubereitet
• der Aufstieg auf den Gipfel des Kastri mit Milos
• die Kreuzschmerzen nach misslungenen Loops
• die Höllenfahrt über Stock und Stein, die uns zu einem Traumstrand führt
• der Sonnenuntergang, den man glücklich am Strand mit Menschen erlebt, die man liebt
Reisen ist Schule für das Leben. Niemals können mir solche Erlebnisse in Seminaren beigebracht werden. Die Intensität dieser Momente ist einzigartig, viele von ihnen bleiben für immer unvergessen. Vielleicht nehmt ihr euch bei euren nächsten Trips Zeit, um euch zu überlegen, warum ihr gerade seid, wo ihr seid, und wie gut es euch geht, auch wenn der neueste Move nicht sitzt oder wieder mal Hunderte Kilometer gefahren wurden und Flaute ist. Geht auf Locals zu oder lasst einfach nur die Sonne euer Gemüt wieder aufhellen und alle bösen Gedanken sind vergessen.
Reisen veredelt den Geist und räumt mit unseren Vorurteilen auf.
Oscar Wild
Posted: Januar 1st, 2005 under REISE, BERICHTE.
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